Teil eines Werkes 
Band 2 (1851)
Entstehung
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Die Gräfin führte, ſeitdem ſie Wittwe geworden, ein noch abgeſchiedeneres Leben, als früher. Sich ſtets mit ihrem Kinde einſchließend, rief ſie nur ſo ſelten wie möglich, und meiſtens nur zur Zeit ihrer Mahle, die ſie in ihrem Zimmer einnahm, eine ihrer Dienſtfrauen herbei.

Um dieſelbe Stunde, wo zwiſchen Pepe, dem Schlä⸗ fer, und dem Unbekannten der bekannte Auftritt Statt fand, das heißt, gegen eilf Uhr Abends, befand ſich die Gräfin von Mediana wie gewöhnlich in ihrem Schlaf⸗ zimmer. Es war dieß ein ungeheures Zimmer, deſſen Möbeln, gleich denen des ganzen Schloſſes, ſeit faſt einem Jahrhunderte nicht erneuert worden waren und das jenen ernſten, den damaligen und jetzigen ſpaniſchen Sitten entſprechenden Charakter darbot. Eine Lampe, die in einer der Wandecken auf einem Tiſche brannte, beleuchtete nur einen Theil des Zimmers etwas lebhaft Der übrige Raum war in Schatten gehüllt, und in die⸗ ſem Dämmerlichte konnte man kaum große Familien⸗ Gemälde unterſcheiden, welche durch die feurigen Kohlen eines Braſero von unten röthlich beleuchtet wurden.

Durch zwei Fenſter konnte man auf einen großen Balkon hinaustreten, der nur etwa zwanzig Fuß ſich über dem Boden befand. Durch die Scheiben hindurch

bemerkte man einen ſchwarzen Himmel und die weiße

Linie, die das Meer bildete, indem es ſich mit dem Him⸗ mel vermiſchte.

Die Augen der Gräfin ſchweiften über dieſes düſtere Gemälde hin, und es lag in ihnen dabei etwas Nach⸗ denkendes und Betendes; ſodann ſuchten ſie wieder die Wiege, in der ihr ſchlafendes Kind ruhte.

Sie ſchien kaum dreiundzwanzig Jahre alt zu ſein. Von Natur blaß, wie in der Regel die Andaluſierinnen ſind, war die Gräfin zu Granada geboren worden; und in der ſtrengen Trauer, die ſie als Wittwe trug, erſchien ſie noch bläfſer.

Eine kleine perpendikuläre Falte, die zwiſchen ihren