307
Oberſt betrachtete ſie einige Minuten ſchweigend. Et⸗ was ruhiger, tief ſeufzend, fuhr er fort:
„Erſt vor wenig Stunden wuͤrden Thränen in Ihrem Auge mein Herz zum Bluten gebracht haben! — Selbſt jetzt, ſo getäuſcht und beleidigt ich bin—“ Er konnte vor Leidenſchaft nicht ſprechen. Endlich fand er Worte dafuͤr:„Aber Sie fragen: Wie Sie dazu kommen, ſolche Rede zu horen?— Ihr eignes Herz hätte Ihnen die Frage erſparen ſollen!“
„Ich habe dies nicht verdient und— ich will es auch nicht leiden!“ rief Miß St. Clair und ver⸗ ſuchte wieder, aus dem Zimmer zu kommen.
„Nun dann— warum habe ich es denn ver⸗ dient, warum muß ich es denn dulden, mit Hofſ⸗ nungen getäuſcht, gefoppt zu werden, die Sie unwahr zu machen gedenken? Ja, dieſer kalte, berechnende Kopfhaͤnger Lyndſay wagt es, Sie zu lieben. Und Sie— doch er ſoll mir dafuͤr Rede ſtehen!“
Einen Augenblick betrachtete ihn Gertrude mit einem Blicke des ungekuͤnſtelten Erſtaunens. Endlich ward ſie feuerroth, aber nicht vor Scham, vor Be⸗ ſtuͤrzung, ſondern vor Zorn. Mit allem Gefuͤhl be⸗ leidigter Wuͤrde ſagte ſie:
„Wenn Sie mich nach dem, was heute unter uns vorging, für faͤhig hielten, einen Andern zu lieben, ſo hatten Sie wohl Urſache, mich ſo, wie es
20*
1
——.


