Zweites Kapitel.
— Rach furchtbarer Gewitternacht Scheint die Sonn' in ihrer höchſten Pracht! Lied.
Es waren viele Jahre hingegangen, ſeitdem Madame St. Clair ihr Vaterland verließ. Wer ſie gekannt hatte, konnte ſie ſchwerlich jetzt wieder erkennen, ſo durchaus war ihr ganzes Weſen veraͤndert. Das ver⸗ ſchaͤmte laͤndliche Mädchen, ſo linkiſch, mit dem Volks⸗ dialekte, war allmaͤhlig zum ſchoͤnen Weibe umgewan⸗ delt worden, bei dem aus jeder Bewegung Anmuth ſprach. Sie zeigte ſich gebildet, obſchon geſucht in ih⸗ rem ganzen Benehmen. Lange war ihr Mittag dahin; doch noch immer ſchien ſie huͤbſch und einem oberflaͤch⸗ lichen Beobachter ſelbſt gefährlich. Allein alle dieſe Veranderungen hatten nur im Aeußern ſtattgehabt, entſprangen nicht aus angebornem Zartſinn und edlen Beweggruͤnden. Sie waren die Frucht eines feinen Gefuͤhls, der Weltkenntniß, des langen Umgangs mit Fremden. Der Geiſt blieb derſelbe. Die Huͤlle allein hatte ſich gewandelt.
In den Tagen ihrer Jugend war Stolz und Ehr⸗ geiz durch eine Verbindung aufgeregt worden, welche ſie fuͤr glaͤnzend hielt. Erſt als ſich der Verſtand hin⸗ länglich ausgebildet hatte, entdeckte ſie zu ihrer Kraͤn⸗


