nicht ſchmutzig und vernachläßigt waren, wie ſie diejenigen zu tragen pflegen, welche zum Betteln geboren ſind. Ihre aufgelösten, bis zum Knie herabfallenden Haare umhüllten ihre ganze Geſtalt wie ein Silberſchleier; ihr Geſicht war bleich und abgemagert, ihr Blick zur Erde geſenkt und betrübt. Sie lag auf den Knien am Eingang einer dieſer Höhlen vor einem Krenze, das aus zwei Kaſtanienzweigen, durch eine Weinrebe verbunden, roh zuſammengefügt war. Bei der Annäherung der Jäger machte ſie weder eine Be⸗ wegung noch wendete ſie ſich um, dieſe aber blieben ver⸗ wundert und ehrerbietig ſtehen, um ſie zu betrachten und hörten ſie von Zeit zu Zeit mit Seufzern ausrufen: Mein Gott, mein Gott! Seit ſo langen Jahren weine ich um ihn! Wirſt Du ihm wohl verziehen haben?
Dann verſtummte ſie für einige Augenblicke, um das
„Gebet immer wieder mit denſelben Worten zu wiederholen.
Die Jäger zogen ſich zurück und erfuhren von den Bauern, wie es ſich mit ihr verhalte. Sie wurde von ihnen als eine Heilige verehrt, aber Niemand wußte, wer ſie ſei und woher ſie gekommen war. Man erzählte, daß nach vielen vergeblichen Verſuchen, ſie zu einem Aufenthalt in be⸗ wohnten Gegenden zu bewegen, man ihr ein ſchlechtes La⸗ ger in irgend einer Höhle angeboten habe, und daß ſie ihr abwechſelnd Lebensmittel zutrugen. Eines Tages fan⸗ den ſie ſie auf ihrem Bette ausgeſtreckt, bleich und kalt wie Alabaſter, und nachdem ſie ſich von ihrem Tod über⸗ zeugt hatten, begruben ſie ſie auf dem Kirchhofe von S. Marcello. Machte es nun das Beiſpiel dieſer Frau oder irgend eine andere Urſache, es fand ſich von da an immer Jemand, welcher dieſe Höhle bewohnte, und noch heutzu⸗ tage führen dort zwei Greiſinnen ein einſames und wildes Leben.
Ob dieſes die arme Liſa war, können wir nicht be⸗ ſtimmt behaupten; falls ſie es aber wirklich geweſen iſt, wie mächtig mußte die Liebe der Unglücklichen ſein, wenn ſie vach ſo tiefem Schmerz, ſo sbſcheulichem Verrath,


