217
glückliche an die Gegenwart der Seinigen erinnerte, die ihn tief bewegt umſtanden und kaum zu athmen wagten; dann weinte er lange und bitter.
Wenn Prophezeiungen und Propheten ſich als ir⸗ rend erweiſen, ſo wird der Grund in allem Andern eher als in ihnen geſucht; denn da der Glaube mehr ein Gefühl des Herzens als eine Thätigkeit des Ver⸗ ſtandes iſt, ſo hält ihn das Herz hartnäckig feſt und vertheidigt ihn gegen die Angriffe der Vernunft und ſogar gegen die unumſtößliche Wirklichkeit, und gerade bei Weiſſagungen fehlt es nie an Ausflüchten, um, wenn die Ereigniſſe der Erwartung nicht entſprochen haben, ſich zu überreden, die Schuld habe an dem ge⸗ legen, der ſie nicht richtig zu erklären oder die Bedin⸗ gungen derſelben nicht zu erfüllen gewußt habe.
So vermochte Niccolo den Glauben an Bruder Girolamo nicht auf einmal abzuſchwören; denn er war das belebende Princip ſeines ganzen Lebens geweſen; er vermochte nicht auf einmal das zu verabſcheuen, was er angebetet hatte, und ſogar in dieſer fürchter⸗ lichen Probe, auf die er geſtellt war, dem letzten Troſte, der letzten Hoffnung, die ihm blieb, nicht zu entſagen.
„Wenn nun unſere Sünden ſo groß geweſen ſind, daß ſie uns ves göttlichen Erbarmens unwerth ge⸗ macht haben, ſollen wir, um das Maaß voll zu ma⸗ chen, auch noch den Glauben verlieren? Es war uns Sieg verſprochen, haben wir aber gekämpft? Warum haben wir uns feige zurückgezogen? Warum ergaben wir uns? Kann Gott dergleichen Menſchen helfen? O Fiorenz! ich habe auf Deine Kräfte gehofft und nicht auf die Kräfte Gottes und er hat Dich Deinen Kräften allein überlaſſen. Quare, quare dubitaste 2
Dieſe Gedanken entlockten Niccolo einen Strom von Thränen und befeſtigten in ihm jenen Glauben, der zwar zum Wanken gebracht, aber nie ganz nieder⸗ geſchlagen werden konnte. Seine Züge und ſeine Ge⸗ ſtalt kehrten zu ihrer ernſten und ruhigen Haltung zu⸗


