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domia war eben ſo ſcharfſehend, als beſcheiden, und hatte recht gut bemerkt, welche Gefühle der Jüngling für ſie hegte, was ihn abhielt, ſich ihr zu entdecken, und wie er ſpäter nach und nach durch das mehr ent⸗ gegenkommende Weſen der Schweſter eingenommen wurde, welcher ſie alsbald jeden Gedanken an ihn ge⸗ geopfert hatte, um ihr das zu verſchaffen, was ſie für das größte Glück auf Erden hielt. Wenn ſie alle Er⸗ eigniſſe überdachte, durch welche ſich die Umſtände ſo ſehr geändert hatten, ſo glaubte ſie den Weg der Vor⸗ ſehung zu erkennen, um ſie am Ende mit dem Einzigen zu vereinigen, mit welchem ſie glücklich werden zu kön⸗ nen glaubte.
Eine Unterredung, die ſie gerade an dem Abend, als Lamberto zurückkam, mit Niccolo gehabt, beſtärkte ſie in dieſer Ueberzeugung und belebte ſie mit neuer Hoffnung. Sie waren allein. Niccolo nahm ſeine Tochter bei der Hand und ſagte zu ihr:„Laudomia, Nichts liegt mir ſo ſehr am Herzen und beſchäftigt ſo ſehr meine Gedanken bei den Gefahren dieſer Belage⸗ rung, als Deine Sicherheit und Dein Wohl. Seit län⸗ ger als einem Jahr haſt Du mehrere ehrenvolle Hei⸗ ratsanträge, die Dir gemacht wurden, ausgeſchlagen. Du wirſt Deine Gründe gehabt haben, in die ich mich nicht einmiſchen will; jetzt aber bin ich ein Greis ge⸗ worden, wie Du ſiehſt, tauſend Gefahren umgeben Dich, ich möchte Dich auf einen Arm geſtützt ſehen, der Dich leiten und ſchützen kann. Ich habe Dir Lamberto zu⸗ gedacht. Du magſt Dir es nun überlegen. Wenn ich Dir befehlen würde, ihm Deine Hand zu geben, wür⸗ deſt Du gehorchen?“.
Laudomia war zwar bei dieſer Anrede etwas roth geworden, aber ungewohnt, Verſtellung für Schamhaf⸗ tigkeit gelten zu laſſen, hatte ſie aufrichtig und unbe⸗ fangen geantwortet:„Ich würde Euch gehorchen, lie⸗
ber Vater, und es wäre dieſer Gehorſam eben kein Verdienſt.“


