290
Dort war kein Dorngehäge, aber ein Haufen von, vürrem Haidekraut, wo ſich das Frauenzimmer ver⸗ bergen konnte. Diesmal hatte ſie wohl Acht, daß das Kind durch keine neue Verletzung zum Schreien ge⸗ bracht wurde, Fanfulla ſprach ihr auf's Neue Muth ein und machte ſich allein auf den Weg, Troilo auf⸗ zuſuchen. Bald gelangte er auf die Straße und durch dieſe auf den in ver Mitte gelegenen Marktplatz. Dieſer war dreieckig, zwei Seiten wurden von den ärmlichen Hütten der Einwohner, die dritte durch die Porderſeite der kleinen Kirche gebildet, der einzigen jener Gegend; in der Mitte war ein Ziehbrunnen un⸗ ter einem Wetterdach, und neben daran war ein Gal⸗ gen errichtet, an welchem faſt täglich eine Hinrichtung ſtattfand, ſei es nun, daß man einen unglücklichen Bauer, der Lebensmittel nach Florenz bringen wollte, oder einen Spion ergriffen hatte, oder daß Soldaten fich Vergeben gegen die Kriegszucht zu Schulden kom⸗ men ließen; denn in der damaligen Zeit bediente man ſich des Stranges, um ein Heer im Zaume zu halten, und der Kriegsgebrauch hatte noch nicht beſtimmt, daß der Tod durch das Hängen die Ehre verletze und der durch Erſchießen ſie unbefleckt laſſe. Unſere armen Vä⸗ ter lebten noch in dem bedauernswerthen Wahn, daß die Schande in dem Vergehen beſtehe, und nicht in der Beſtrafung.
Jener Marktplatz, den man heutzutage zu jeder Stunde frei paſſiren kann, ohne jemand Anders als harmloſen Bauern zu begegnen, die den Gruß in ihrer rietigen wohltönenden Sprache höflich erwiedern, oder Schwärmen von Städtern, die auf einer Landpartie begriffen find; jene Hütten, heutzutage ein Bild freund⸗ licher und zufriedener Armuth, jene Thüren, welche gegenwärtig mit Kindern jeder Größe und mit Frauen, die ſich mie der nützlichen und feinen Arbeit des Stroh⸗ ſlechtens beſchäftigen, vollgeſtopft find, boten, als Fan⸗ fulla dort ankam, den Anblick der Unordnung, des


