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Sinnlichkeit ſitzen. Caſanova, ein kräftiger Sohn derber Wirklichkeit, wollte nur die ſchönen, reichen Formen der Welt genießen, und des Körperlebens vollſchwellende Reize ſahen ihn ſchon früh mit trunkenen Augen begehrlich an. Mit Keckheit und Grazie griff er nach Allem, was ihn lockte, in der Nähe und in der Ferne; er trank ſich ſatt und über⸗ ſatt an den weißen Brüſten der Sinnlichkeit, und unvermerkt nahm an der Schwungkraft der Sinne auch ſein Geiſt lebendigen Antheil. Er hatte mit den ſtarken Fühlhörnern ſeiner Sinne ausgegriffen nach allen Blüthenſtellen der ſicht⸗ baren Welt, und war mit tiefſinnigem Erſtaunen in einem Wunderblumenkelch geiſtiger Reflexion ſitzen geblieben. Er fing an zu denken, zu philoſophiren. Die Weltſünden wur⸗ den Gedankenſtoff. Der Weltmenſch war transcendent ge⸗ worden. Beide Jean Jacques ſchlugen nach den entgegen⸗ geſetzten Polen ihres Weſens um, und doch, welcher Kenner der menſchlichen Natur wird zweifeln, daß dieſe Antipola⸗ rität eine Verwandſchaftlichkeit, mithin eine Berührung der Extreme iſt!
Eine verdächtige Prüderie unſeres Zeitalters hat mit moraliſirender Wegwerfung von ſeinen Memoiren geſprochen, und die Polizei iſt der Prüderie zu Hülfe gekommen, und hat in dieſem und jenem deutſchen Staat das merkwürdigſte aller Bücher verboten. Ein höherer Standpunkt der Be⸗ trachtung bleibt dem Unbefangenen noch immer nicht be⸗ nommen. In ſeinen Lebensbekenntniſſen iſt nichts Abſicht⸗ liches, nichts auf Wirkung, Beifall oder Gunſt Berechnetes;
ſie ſind ihren hauptſächlichſten Beſtandtheilen nach aus lanter
körniger Wirklichkeit einfach zuſammengeſetzt. Caſanova ſchien ſie kaum ſelbſt für den Druck beſtimmt zu haben, und durch einen Zufall geriethen ſie, viele Jahre nach ſeinem Tode, in die Hände eines deutſchen Buchhändlers, der das franzöſiſch geſchriebene Manuſcript für einen Spottpreis er⸗ kaufte, und nachher Tauſende damit gewonnen hat. Sie brechen gegen das Ende fragmentariſch ab, und den Mit⸗ theilungen des geiſtreichen Fuͤrſten von Ligne danken wir den Aufſchluß über des Venetianers ſpätere Lebensverhält⸗


