Ch. Mundt über Caſanova.
Sein Katholicismus war der Weltgenuß; eine groß⸗ artige Leidenſchaft für das Leben war ſeine Religion und ſeine alleinſeligmachende Kirche, und wurde ihm dazu. Re⸗ ligiös in Weltliebe, weiſe im Leichtſinn, philoſophiſch in der Frivolität, frivol aus Philoſophie, ein Würfelſpieler mit den Formen des Lebens, ein Eingeweihter in die Tiefen des Daſeins, ein Abenteurer und ein Denker, in der Wolluſt und in der Wiſſenſchaft gleich gelehrt und gründlich: das iſt die Deviſe, welche ich unter das Bild dieſes Jean Jacques ſetzen möchte, der ohne Zweifel die merkwürdigſte Figur des geſelligen Lebens ſeines Jahrhunderts war.
Man könnte Jean Jacques Caſanova den umge⸗ kehrten Jean Jacques Rouſſeau nennen und zugleich beide Extreme in dieſen Naturen ſich wieder berühren ſehn. Rouſſeau, ein geiſtiger Wollüſtling, durchſchwelgte mit dem feinſten Nervenäther ſeiner Seele das ganze Reich der Schön⸗ heit, das auf den Höhen menſchlicher Träume und Ideale blüht, und an der Schwelgerei des Geiſtes nahmen unper⸗ merkt auch ſeine Sinne lebendigen Antheil. Er ſtürzte ſich in das hohe Meer einer mächtig wogenden Geiſtigkeit, und blieb mit ſophiſtiſchem Lächeln auf einer grünen Inſel der


