zeigte ihm daher auch meine Dankbarkeit in einem langen Briefe und erbot mich, meinen ganzen Einfluß in Venedig für ihn zu verwenden. Welcher Unterſchied zwiſchen dem herzlichen Benehmen des Juden Levi und der eiſigen Höf⸗ lichkeit des chriſtlichen Barons Pittoni!
Nichtsdeſtoweniger fehlte es dieſem Pittoni, der zehn
Jahre jünger als ich war, weder an Geiſt noch an Lebens⸗ art. Er war wie ich Junggeſelle aus Syſtem, ein großer Frauenjäger, ein guter Tiſchgenoſſe und Freund aller Lebe⸗ männer; ich habe meine Aufnahme immer einer Zerſtreut⸗ heit zugeſchrieben. Er war großmüthig bis zur Ver⸗ ſchwendung und hatte eine entſchiedene Abneigung gegen das thörichte Geſetz des Mein und Dein; die Sorge für ſein Haus und ſeine Finanzen überließ er einer Art von Intendanten, der ihn auf eine ſchimpfliche Weiſe beſtahl; Pittoni wußte es, ließ ihn aber gewähren. Da die Faul⸗ heit eine Wonne für ihn war, ſo hatte er eine ſolche Ge⸗ wohnheit der Nachläſſigkeit und Vergeßlichkeit angenommen, daß man ihm mit Recht den Vorwurf machte, er vernach⸗ läſſige die erſten Pflichten ſeines Amts; man warf ihm auch vor, daß er bei jeder Gelegenheit und wiſſentlich lüge; das iſt aber eine Verläumdung, von welcher ſein Andenken ge⸗ reinigt werden muß. Er log nicht, er ſagte bloß nicht die Wahrheit, und zwar aus Nachläſſigkeit und Vergeßlichkeit; ſo war der Mann, wie ich ihn während eines Monats ver⸗ trauter Bekanntſchaft hatte kennen lernen, denn wir wur⸗ den vertraut; er hat mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen und das Unpaſſende ſeines erſten Empfanges aufrichtig anerkannt.
Als ich meine nöthigſten Beſuche abgemacht hatte, dachte ich daran, alle Dokumente zu ordnen, welche ich in Bezug auf die polniſchen Ereigniſſe ſeit dem Tode der Kai⸗ ſerin von Rußland, Eliſabeth Petrowna, in Warſchau ge⸗ ſammelt; denn ich wollte die Geſchichte der innern Unruhen dieſes Staats von ihrem Urſprunge an bis zur erſten Thei⸗
lung dieſes Reichs geben, einer ungerechten Theilung, welche Curopa in Brand zu ſetzen drohte. Ich hatte dieſes Er⸗ eigniß in einer kleinen Schrift vorausgeſagt, welche zu der


