Teil eines Werkes 
18. Bd. (1851)
Entstehung
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laide auf den Brettern eines venetianiſchen Theaters; ſie

war Tänzerin.

In Bologna fand ich den Grafen Filomarini, dieſen emeritirten Wüſtling, ehemals das Entzücken der Frauen und der Schrecken der Männer. Er war jetzt gichtiſch, aſtthmatiſch, apoplektiſch, an den Füßen gelähmt, eines Auges beraubt, kahlköfig und arm. Ich condulirte ihm. Er hatte nichts von ſeinem Geiſte verloren, und ſeine bei⸗ ßende Zunge, das zuverläſſigſte der Organe, verweigerte ihm den Dienſt nicht. Er ſchwärzte Alle an und verachtete ſie, fluchte dem Himmel, ſeiner Familie, ſeinen Freunden und ſich ſelbſt.

4 Als Gegenſatz zum Grafen Filomarini will ich den Abbé Bolini anführen, den ich bei der Tänzerin Sabatini traf. Dieſer junge ſechsundzwanzigjährige Mann hatte vom Abbé nur den Rock. Er war gut gewachſen, geiſtreich, unterrichtet, und ſeine mäßigen Einkünfte genügten ſeinen einfachen Neigungen. Ich habe nie einen ſo ſorgloſen Ster lichen wie ihn geſehn, obwohl er ſich nichts davon m ließ, denn ſein Umgang war ſehr angenehm; bei ei chen Charakteranlage war die Mäßigkeit eine 1da

Tugend für ihn. Er ſuchte Ruhe; nach allem Andern fragte er wenig; obwohl er gelehrt war, lag ihm doch we⸗

nig daran, daß man ihn für gelehrt hielt. Obwohl er

vermöge ſeiner Erziehung orthodoxrer Chriſt war, ſo hörte er doch ohne Mißvergnügen gottloſen Geſprächen zu. Er lobte und tadelte Niemand; da er gleichgültig gegen das ſchöne Geſchlecht war, ſo floh er die Häßlichen; aber die Schönſten hätten ihn nicht vermocht, einen Schritt zu thun. Dieſer letztere Charakterzug ſetzte mich in ſolche Verwun⸗ derung, daß ich ihn einſt fragte, wie er ſeine Grundſätze mit ſeiner Neigung für Fräulein Brigitta Sabatini in Ein⸗ klang bringe. In der That ſpeiſte er täglich bei ihr und Brigitta frühſtückte täglich bei ihm. Ueber dieſe Frage lächelte der Abbé, ſeufzte, erröthete. Ich glaubte zuerſt vor Schaam, denn das Fräulein war recht gut zwölf Jahre älter als er; aber zuletzt geſtand er mir, daß dieſe Neigung das Unglück ſeines Lebens ſei.

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