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Leben, das ich in Florenz geführt, in Bologna fortzuſetzen. Es giebt keine Stadt in ganz Italien, wo man freier und beſſer lebt als in Bologna; die Wohnungen ſiud billig, ſo wie die Lebensmittel und der Unterhalt. Die Stadt iſt reizend, ſie ſcheint eher gemalt als gebaut zu ſein, ſo rein⸗ lich und zierlich iſt ſie. Was die Geſellſchaft betrifft, ſo war für mich an Umgang nicht zu denken; der bologneſiſche Adel iſt ſehr ſtolz und zugeknöpft, beſonders für Fremde; das gemeine Volk, welches in Italien unter dem Namen Birichini bekann tiſt, iſt mit neapolitaniſchen Lazzaronis zu vergleichen; die Büͤrger ſind anſtändig und gut, aber be⸗ ſchränkt und gewöhnlich. Indeß was kümmerte es mich! Ich wollte mich dem Studium widmen und mit den gelehr⸗ ten Kreiſen Verbindungen anknüpfen.
Ich war darauf gefaßt, Medini mit ſeinem Anhange bald ankommen zu ſehn; er ſtieg in dem Gaſthofe ab, wo ich wohnte, Wie gewöhnlich hatte er keinen Pfennig. Wie ich mir wohl gedacht, hatte ihm der Großherzog eine Audienz verweigert, und er hatte unverzüglich abreiſen müſſen, nach⸗ dem er alle ſeine Sachen verkauft. Er ſchilderte mir ſein Elend in Bettlerausdrücken, aber ich blieb taub. Ich habe nie einen Mann gekannt, der ſo oft in Noth gerieth und ſeinen Freunden zur Laſt fiel; man hätte ihn wie ein Mäd⸗ chen unterhalten müſſen; er befand ſich daher auch immer in verzweifelten Lagen, aus welchen er ſich durch nicht ſehr zu billigende Mittel herauszog. Indeß hatte er das Glück in Bologna, einen gewiſſen Dominis, einen Franziskaner⸗ Mönch aus Slavonien, zu finden, der ſich in ſeine Maitreſſe verliebte. Medini machte die Augen zu, und der Mönch machte ſeine Börſe auf. Als Dominis dieſes Weibes überdrüſſig geworden war, warf er die Augen auf die kleine Nichte und Medini verkaufte ihm die Jungfernſchaft des Kindes. Dieſe Kuppeleien ſetzten ihn in den Stand, ſeine alte Lebensweife wieder aufzunehmen. Einige Wochen ſpä⸗
ter erfuhr ich, daß er plötzlich nach Deutſchland gereiſt ſei
und beide Frauenzimmer dem Mönche auf dem Halſe ge⸗ laſſen; aber derſelbe war kein Bettelmönch. Der unverbeſ⸗ ſerliche Medini durchſtreifte zehn Jahre lang Europa nach allen Richtungen und endete ſein Leben in einem Londoner XVII. 10
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