Teil eines Werkes 
17. Bd. (1851)
Entstehung
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ſehr nachſichtig war, ſo war er meiner Anſicht nach damals ſchon toll. Die Sittenſtrenge paßt nur für die Prieſter; bei einem Monarchen iſt ſie eine ſträfliche Thorheit, weil in dieſer hohen Stellung die Kaſteiungen des Fleiſches auf die Dauer nur das Gefühl abſtumpfen und endlich den Sitz des Verſtandes angreifen. Der König liebte ſehr den In⸗ fanten, ſeinen Bruder, einen Fürſten von merkwürdiger Häß⸗ lichkeit; er ließ ihn Maitreſlen nehmen, ſo viel er Luſt hatte

02 Loed und nach Herzensluſt Baſtarde zeugen. Barneri konnte ſich n dieſen Widerſpruch nicht erklären. Der Prinz hatte eine Anlage zur Narrheit, welche im Kopfe ſeines erhabenen

Bruders zur Reife gelangte; aber die ſeinige war viel welt⸗ licherer Art. So reiſte er nie, ohne das Bild einer von Mengs gemalten heiligen Jungfrau in ſeinem Wagen mit⸗ zunehmen. Dieſe Jungfrau war dargeſtellt auf dem Graſe ſitzend, die Beine über einander gelegt nach Art der Araber und mit aufgeſchürztem Rocke, ſo daß man die Beine bis zum Kniee ſah; in dieſem Gemälde war Alles darauf be⸗ rechnet, ünnliche Regungen zu erwecken; dieſen Eindruck machte es wenigſtens auf den Prinzen, deſſen myſtiſcher

Geiſt Alles auf Rechnung der Frömmigkeit ſetzte. Dieſes

wollüſtige Bild, dieſe weltlichen Formen hatten fuͤr ihn einen himmliſchen Charakter, welchen die Exaltation ſeiner Phan⸗ taſte noch erhöhte. Seine Illuſion war vollſtändig, und er hing um ſo mehr an dieſer Madonna, als er bei ihrem Anblicke das Geheimniß der Liebe zu entdecken glaubte, welches die Mutter des Heilandes ihm eingeflößt. Alle Spanier ſind nach dieſem Vorbilde gemacht; will man ſie gewinnen, ſo muß man zunächſt ihre Sinne erregen. Die Italiäner ſind ihnen in dieſer Beziehung ähnlich, haben aber einen feinern Takt, der ihnen nicht geſtattet, die Dinge der wirklichen Welt mit den Idealen phantaſtiſchen Glaubens zu verwechſeln.

Vor meiner Reiſe nach Aranjuez erhielt ich ein neues Beiſpiel der Miſchung von Myſticismus und Begierde, welche ein ſpaniſches Herz erfüllt. Ueber dem Hochaltar der Ka⸗ pelle San Geronimo hing das Bild einer heiligen Jung⸗ frau, welche den Heiland ſäugte. Der herrlich gemalte