Teil eines Werkes 
12. Bd. (1850)
Entstehung
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Meine Köchin und Gertrude, beide jung und hübſch, machten mich verliebt und da die Dankbarkeit ins Spiel kam, ſo eröffnete ich beiden zugleich meine Liebe, denn ich hatte mir vorher gedacht, daß ich keine beſtegen würde, wenn ich ſie einzeln angriffe. Auch wußte ich, daß ich nicht viel Zeit zu verlieren hatte, da ich mich verpflichtet hatte, am Neujahrstage 1762 mit Frau von Urfé in einer Wohnung zu ſpeiſen, die ſie in der Rue du Bac für mich meublirt hatte. Sie hatte dieſelbe mit prächtigen Tapeten geziert, die René von Savoyen hatte machen laſſen und auf welchen alle Operationen des großen Werks dargeſtellt waren. Sie ſchrieb mir, ſie ſei in Choiſy geweſen und habe hier erfahren, daß der Italiäner Santis, den ich durch und durch geſtoßen, nachdem er von ſeinen Wunden geheilt worden, wegen Gaunereien nach Bicétre gebracht worden.

Während der übrigen Zeit meines Aufenthaltes in Augsburg beſchäftigten mich Gertrud und Anna Midel auf eine angenehme Weiſe, aber ſie feſſelten mich nicht ſo ſehr, daß ich die gute Geſellſchaft hätte verſäumen ſollen; ich verlebte meine Abende auf eine ſehr angenehme Weiſe bei dem Grafen Mar von Lamberg, welcher ſich mit dem Titel eines Obermarſchalls am Hofe des Fürſtbiſchofs auf⸗ hielt. Seine Gemahlin, eine reizende Frau, hatte alle Eigen⸗ ſchaften, eine gute und zahlreiche Geſellſchaft anzuziehn. Beim Grafen lernte ich den Baron von Selentin kennen, Kapitain im Dienſte des Königs von Preußen, welcher in Augsburg recrutirte. Was mich beim Grafen Lamberg vorzüglich anzog, war ſein literariſcher Genius*). Er hat

*) Bekannt als Schriftſteller durch ſeineMémorial d'un mondain, welches ein Gemiſch der ſeltenſten und anziehendſten Perſönlichkeiten und Nachrichten enthält und ſeineLettres criti- ques, morales et politiques. Caſanova findet in dem erſtge⸗ nannten Werke eine ſehr wohlwollende Erwähnung.Ich wundre mich, heißt es daſelbſt, daß ein Mann von tiefen Kenntniſſen, welchen ſein unglückliches Schickſal von ſeinem Vaterlande fern hält, Herr Caſanova von Seingalt(der ſich durch eine Art Wunder aus den Bleidächern von Venedig rettete), trotz der gro⸗ ßen Anzahl von Beſchützern, die er unter dem Adel zählt, nicht

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