Teil eines Werkes 
12. Bd. (1850)
Entstehung
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bei ihnen zu verleben, und ſie gaben mir hinlänglich zu verſtehen, daß ich mit ihnen zufrieden ſein werde. Ich war nicht kühn genug, in eine Stadt zurückzukehren, wo ich bei dem Rufe, den ich erworben, allen Töchtern von guter Fa⸗ milie das Horoscop hätte ſtellen oder nur durch meine Unhöf⸗ lichkeit zu Feinden hätte machen müſſen.

Nachdem ich gegeſſen und den Brief aus Grenoble geleſen, ging ich ins Kloſter, und nachdem ich M. M. hatte benachrichtigen laſſen, ging ich in das Sprechzimmer, welches ſie mir angegeben. Sie erſchien bald darauf mit der ſchönen und jungen Penſionairin, welche mich ſo unvollkommen bei ihren verliebten Wuthausbrüchen erſetzte, Dieſelbe hatte ihr zwölftes Jahr noch nicht vollendet, aber ſie war groß, ſtark und für ihr Alter ſehr entwickelt. Sanftmuth, Lebhaftigkeit Unſchuld und Feinheit waren auf ihrem ſchönen Geſichte ausgeprägt und verliehen ihr einen hinreißenden Reiz. Sie hatte ein gutgemachtes Schnürleib, welches ihre weiße und wohlgeformte Bruſt ſehen ließ, wo die Phantaſie die noch fehlen⸗ den Halbkugeln, die dieſelbe bald zieren mußten, leicht ergänzen konnte. Der intereſſante Kopf von welchem zwei herrliche eben⸗ holzſchwarze Flechten herabhingen, und die Bruſt ließen alles Uebrige errathen und die ſchrankenlos umherſchweifende Phan⸗ taſie machte ſte zu einer heranblühenden Venus. Ich ſagte ihr zunächſt ſie ſei ſehr hübſch und ſie werde den Gatten, den ihr das Schikſal beſtimme, glücklich machen. Ich wußte, daß ſie über dies Compliment erröthen würde. Das iſt grauſam, aber die Sprache der Verführung macht damit den Anfang. Eine junge Perſon ihres Alters, die nicht erröthete, wenn man vom Heirathen mit ihr ſpräche, wäre entweder ſtumpf⸗ ſinnig oder ſchon vollendete Meiſterin in den Ausſchweifungen der Liebe. Trotz deſſen iſt die Schaamröthe, welche bei irgend einer beunruhigenden Vorſtellung auf dem Geſichte eines jungen Mädchen aufſteigt, ein Räthſel; denn ſie kann das Zeichen reinen Schaamgefuͤhls, das Zeichen der Beſchä⸗ mung oder ein Gemiſch von beiden Gefühlen ſein. Dann findet ein Kampf zwiſchen der Tugend und dem Laſter ſtatt, und gewöhnlich unterliegt die Tugend. Die Begierden, diefe Satelliten des Laſters, haben leichtes Spiel mit der Tu gend.