Fünfundachtzigſtes Kapitel.
WMein kurzer, aber glücklicher Aukenthalt in Neapel.— Der Herzog von Matalone, meine Tochter, Donna . Lurrezia, meine Abreiſe.
Ich will nicht das Unmögliche verſuchen, theurer Leßer,
wie große Luſt ich auch dazu verſpüren mag, und Dir ſchildern,
welche Freude, welches Glück, ich möchte ſagen, welche Trun⸗
kenheit ich fühlte, als ich die theure Parthenopolis wieder⸗ ſah, welche ſo ſüße Erinnerungen bei mir zurückgelaſſen, und wo ich vor achtzehn Jahren, als ich von Mataro zurückkehrte, ſo glücklich geweſen war. Da ich zum zweitenmale die Stadt nur deshalb beſuchte, weil ich während meines kurzen Aufenthalts in Paris dem Herzog von Matalone verſprochen, ihn in Neapel zu beſuchen, ſo hätte ich zuerſt zu dieſem großen Herrn gehn ſollen; da ich mir aber wohl denken konnte, daß er mir wenig Freiheit laſſen würde, wenn ich ihn einmal beſucht, ſo zog ich zunächſt Erkundigungen über meine Bekanntſchaften ein.
Ich ging früh zu Fuße aus und gab mich dem Kor⸗ reſpondenten Bellonis zu erkennen. Nachdem er meinen Kreditbrief entgegengenommen, gab er mir ſo viele Bank⸗ ſcheine als ich wünſchte und verſprach mir auf ſein Ehren⸗ wort Niemand den Stand unſerer Angelegenheiten mitzu⸗ theilen. Von hier aus begab ich mich nach der Wohnung von Antonio Caſanova; man ſagte mir aber, daß er in der Nähe von Salerno auf einem Gute lebe, welches er gekauft und von welchem er den Titel Marquis bekommen. Das war mir unangenehm, aber ich durfte nicht erwarten, in Neapel den status quo zu finden, der ſich ja nirgends er⸗ hielt. Polo war todt und ſein Sohn wohnte mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern in Sta. Lucia; als ich abreiſte, war er Kind geweſen, und obwohl ich ihn gern geſehn hätte, fand ich doch keine Zeit dazu.
Man wird ſich leicht denken, daß ich den Advokaten Caſtelli, den Mann meiner theuren Luerezia, welche ich in


