Teil eines Werkes 
12. Bd. (1850)
Entstehung
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Pflichten ergeben, eine gute Mutter, ihrem Manne ſehr unterworfen, obwohl ſie ihn ſchwerlich lieben konnte, denn er war nichts weniger als liebenswürdig. Er war eigen⸗ ſinnig und grauſam, und wenn er zu Hauſe ſpeiſte, ſtand er nie von Tiſche auf, ohne betrunken zu ſein; außer dem Hauſe war er ſo mäßig, daß er nur Waſſer trank. Seine Frau hatte die Reſignation, ihm bei allen nackten Dar⸗ ſtellungen als Modell zu dienen. Als ich eines Tages gegen ſie äußerte, wie unangenehm ihr dieſe Anfgabe ſein müſſe, ſagte ſie, ihr Beichtvater habe ihr dieſe Verpflichtung auferlegt; denn er hatte zu ihr geſagt, wenn ihr Mann eine andere Frau zum Modell nehme, ſo werde er ſie ge⸗ nießen, ehe er ſie male und ſie werde ſich dann dieſe Sünde vorzuwerfen haben.

Da Winkelmann nach dem Abendeſſen wie alle anderen männlichen Gäſte betrunken war, ſo machte er mit Mengs

antreten. Dieſe mir gegebene Vollmacht wird ihn nothwendig zuweilen gereut haben, und es iſt der Verdacht auf eine Perſon gefallen, die hier dem Manne ein Mißtrauen erwecken können, ſo daß ich eine große Kaltblütigkeit in deſſen folgenden Briefen an mich merkte. Endlich aber, da ihm ein Brief von mir an die Frau auf der Reiſe geſchrieben, in die Hände gefallen, und dieſer ſich auf acht andere bezog, welche alle wie an eine Liebſte geſchrieben waren, ſo haben ihn dieſe Briefe überführt, daß ich derjenige ſei, welcher ich verlange zu ſcheinen. Nunmehr will er, daß die Frau an mich wie an ihren Liebſten ſchreibt, und er ſelbſt wünſcht, daß er mit mir theilen könne, worin die Frau ſelbſt ihm ein heiliges Verſprechen thun müſſen, und dieſes ſoll geſchehn, wenn er zurück nach Nom gehn wird, welches man binnen zwei Jahren hoffe, wie ihm der König ſelbſt verſprochen hat.

In der That kam Mengs Frau mit ihren Kindern gegen Ende 1767 nach Rom, ob aber das ihrem Gatten geleiſtete Verſprechen zur Ausführung kam, darüber ſteht nichts Gewiſſes feſt, da Win⸗ kelmann ſeit dem November 1764 über dieſen Gegenſtand ſchweigt. Auffallend iſt aber, daß ihn von da ab unerklärliche Unruhe nach den verhaßten Norden zog. Im April 1768 verließ er Rom, um in den Alpen, von einer krankhaften Sehnſucht nach Italien ge⸗ packt, wieder umzukehren, und in Trieſt am 8. Juni 1768 die Beute des Mörders zu werden.