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Am folgenden Tage ſpeiſte ich bei Mengs in Familie, da derſelbe wieder nach Rom zurückgekehrt war. Er hatte eine ſehr häßliche, aber gute und talentvolle Schweſter; ſie hatte ſich ſterblich in meinem Bruder verliebt, und man konnte wohl ſehen, daß ihre Flamme nicht erloſchen war; wenn ſie aber mit ihm ſprach, was ſie ſo oft that, als ſie Gelegenheit fand, blickte Johann ſie nicht an.
Sie machte ſehr gute Miniaturmalereien und traf aus⸗ gezeichnet die Aehnlichkeit. Ich glaube, daß ſie noch in Rom mit ihrem Manne Namens Moroni lebt. Sie ſprach mit mir oft von meinem Bruder, deſſen Abneigung ſie kannte, und ſie ſagte eines Tages zu mir, er würde ſie nicht verachten, wenn er nicht der undankbarſte Menſch wäre. Ich war nicht neugierig, zu erfahren, welche Rechte ſie an ſeine Dankbarkeit hatte.
Die Gattin von Mengs*) war hübſch, ſittſam, ihren
*) Die Frau des Mengs war eine ſchöne Römerin aus dem niederſten Stande, welche derſelbe 1749 geheirathet hatte. Mengs reiſte dann im Auguſt 1761 mit ſeiner ganzen Familie nach Spanien, mußte aber im Frühling 1763 die Gattin zur Wieder⸗ herſtellung ihrer Geſundheit nach Madrid zurückſenden. Hier entwickelte ſich nun ihr Verhältniß mit Winkelmann, von welchem deſſen Briefe Zeugniß geben.„Ihr Umgang, welcher durch den Freund ſelbſt auf mich allein eingeſchräͤnkt war, erweckte Ver⸗ traulichkeit, die, den letzten Genuß ausgenommen, nicht größer
ſein kann, ſo daß wir außer Rom mehr als einmal auf eben
dem Bette Mittagsruhe hielten!“„Eben ſteh ich in Begriff, ſchreibt er am 15 Mai 1764 an ſeinen Freund Berendis, mit einer ſchönen Frau, der Ehegenoſſin meines Mengs, auf einige Zeit auf das Land zu gehen; wenn ich mit meiner ſchönen Ge⸗ ſellin vom Lande zurückgekommen, gehe ich auf die Villa Albani.“ „Sie wurde endlich unſinnig aus Mangel des Beſten, und ihr Mann, der nur von einer Unpäßlicheeit wußte, aber vermuthen konnte, daß bei erlangter Geſundheit dies wollüſtige Blut über⸗ müthig werden würde, ſuchte ihr das höchſte Zeugniß ſeiner Liebe zu geben, und trat mir alle ſeine Rechte auf dieſelbe ab, mit dem Verlangen, die Keuſchheit dem Leben nachzuſetzeu. In dieſen Umſtänden aber unterſtützte mich meine Tugend. Die Frau kam nach ein paar Monaten wieder zu ſich und konnte ihre Rückreiſe


