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wollte eben über das Eſſen herfallen, als an die Straßen⸗ thür geklopft wurde.
Das ſind Marie und ihre Mutter, ſagte der Junge. Bei dieſer Ankündigung ſehe ich Momolo's vier Töchter Ge⸗ ſichter ſchneiden. Wer ruft ſie! ſagte die eine. Was wol⸗ len ſie! ſagte die andere. Die Zudringlichen! ſagte die Dritte. Sie hätten nur zu Hauſe bleiben ſollen! ſagte die vierte. Meine Kinder, ſagte der gute Vater, ſie haben Hun⸗ ger und werden mit uns theilen, was die Vorſehung uns beſcheert.
Ich wurde von der großmüthigen Aeußerung des bra⸗ ven Mannes tief gerührt; ich ſah, daß die wahrhaft chriſt⸗ liche Barmherzigkeit weit öfter im Herzen des Armen eine Zuflucht findet, als bei dem, welchen das Glück mit ſeinen Gaben überſchüttet, und welchen es dadurch, daß es alle ſeine Wünſche befriedigt, unempfänglich für fremde Leiden macht.
Während ich dieſe Betrachtungen anſtellte, welche der Seele ſo wohl thun, ſah ich die beiden Hungerleiderinnen hereinkommen. Das Mädchen war eine hübſche junge Per⸗ ſon von beſcheidnem und anmuthigem Aeußern, und ihre Mutter, welche ebenfalls beſcheiden ausſah, ſchien ſich ihrer Armuth zu ſchämen. Das Mädchen grüßte mit jener An⸗ muth, welche ein Geſchenk der Natur iſt, und entſchuldigte ſich, indem ſie furchtſam und verlegen äußerte, ſie würde ſich nicht erlaubt haben zu kommen, wenn ſie hätte ahnen kön⸗ nen, daß Fremde da wären. Der gute Momolo erwiederte allein das Compliment, indem er mit freundlichem Tone ſagte, ſie habe wohl daran gethan zu kommen. Indem er dies ſagte, ſtellte er ihr zwiſchen mir und meinem Bruder einen Stuhl hin. Ich betrachte ſie und finde, daß ſie eine vollendete Schönheit iſt.
Man beginnt zu eſſen und ſpricht nun nicht mehr. Die Polenta war vortrefflich, die Coteletten ausgezeichnet, und in noch nicht einer Stunde war der Tiſch völlig gelert; aber der Orvieto erhielt die Geſellſchaft in heitrer Stimmung. Man ſprach von der Lotterie, welche übermorgen gezogen werden ſollte und alle Mädchen nannten die Nummern an


