Teil eines Werkes 
11. Bd. (1850)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

————

164

ein Italiäner in dieſem Alter nur ſein kann, tritt mit un⸗ gezwungenem Weſen ein, begrüßt die Geſellſchaft auf eine anmuthige Weiſe und umarmt Thereſen. Ich war der Ein⸗ zige, der ihn nicht kannte, aber ich war nicht der Einzige, deſſen Züge Erſtaunen ausdrückten. Die unerſchrockene Thereſe ſtellte ihn mir auf die natürlichſte Weiſe mit den Worten vor: Das iſt mein Bruder.

Ich empfing ihn auf's Beſte, obwohl mit einiger Verlegenheit, da ich nicht Zeit gehabt hatte, mich zu er⸗ holen. Dieſer angebliche Bruder Thereſens war mein leib⸗ haftes Portrait, außer daß er einen hellern Teint als ich hatte. Das war die Ueberraſchung, welche Thereſe mir angekündigt hatte; ſie hatte ſich das Vergnügen vorbehalten wollen, mich verſteinert und entzückt zu ſehn, denn ſie wußte wohl, daß der Gedankte, ihr eine ſolche Erinnerung an unſere gegenſeitige Liebe zurückgelaſſen zu haben, mich im höchſten Grade rühren würde. Ich war in vollſtändiger Unwiſſenheit, denn in ihren Briefen hatte ſie nie von ihrer Schwangerſchaft geſprochen. Wenn ich mir die Sache be⸗ dachte, ſo ſchien es mir, als ob Thereſe dieſes Zuſammen⸗ treffen in Gegenwart eines Dritten hätte vermeiden ſollen; denn Jeder hatte Augen, und es bedurfte nur dieſer, um ſich beim erſten Blicke zu überzeugen, daß der junge Mann nur mein Sohn oder mein Bruder ſein könne. Ich warf ihr einen Blick zu, aber ſie entzog ſich demſelben, während ihr vermeintlicher Bruder mich mit ſolcher Aufmerkſamkeit betrachtete, daß er nicht hörte, was ſie ſagte. Was die Zuſchauer betraf, ſo ließen dieſe ihre Augen von ſeinem Geſichte auf das meinige gleiten, und wenn ſte der Anſicht waren, daß er mein Sohn ſei, ſo mußten ſie nothwendiger Weiſe glauben, daß ich der Liebhaber von Thereſens Mut⸗ ter geweſen, wenn ſie wirklich ſeine Schweſter war, denn in dem Alter, welches ſte zu haben ſchien, und welches ſie ſich beilegte, war es unmöglich anzunehmen, daß ſie ſeine Mutter ſei. Es war eben ſo unmöglich anzunehmen, daß ich der Vater Thereſens ſei, denn ich ſah nur wenig älter als ſie aus.

Mein Sohn ſprach den neapolitaniſchen Dialekt, und