Teil eines Werkes 
11. Bd. (1850)
Entstehung
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uns zu Madame Morin, welche mich mit der Ungezwun⸗

genheit einer Pariſerin empfing. Sie ſtellte mir ſieben Kin⸗ der vor, deren Mutter ſie war. Ihre älteſte Tochter, die weder hübſch noch häßlich war, war zwölf Jahr alt und ſchien vierzehn Jahr alt zu ſein; ich ſagte es ihr. Um mich zu überzeugen, daß ſie mich nicht täuſche, holte ſte ein Regiſter, auf welchem das Jahr, der Monat, der Tag und ſogar die Minute ihrer Geburt verzeichnet war. Verwundert über eine ſo weit gehende Genauigkeit, kam ich auf den Gedan⸗ ken, ſie zu fragen, ob man ihr ein Horoscop geſtellt habe. Nein, ſagte ſie, denn ich habe noch Niemand gefunden, der mir dieſen Dienſt hätte leiſten können. Dazu iſt noch im⸗ mer Zeit, ſagte ich, und ohne Zweifel hat Gott mir dieſes Vergnügen vorbehalten wollen.

Da während deſſen Herr Morin eingetreten war, ſo ſtellte ſeine Frau ihn mir vor und nach den üblichen Com⸗ plimenten kam ſie wieder auf das Horoscop zurück. Der Advokat ſagte ſehr verſtändig, die gerichtliche Aſtrologie ſei eine, wenn auch nicht ganz falſche, doch wenigſtens ſehr ver⸗ dächtige Wiſſenſchaft; er habe die Schwäche gehabt, ſich eine Zeit lang mit derſelben zu beſchäftigen, da er ſich aber endlich überzeugt, wie wenig der Menſch im Stande ſei, in die Zukunft zu ſehen, ſo habe er dieſelbe aufgegeben und ſich mit den nicht zweifelhaften Wahrheiten, welche die Aſtronomie lehre, begnügt. Ich ſah, daß ich es mit einem gebildeten und ver⸗ nünftigen Manne zu thun hatte, und das war mir ſehr angenehm; aber Valenglard, welcher an die Aſtrologie glaubte, griff ihn an. Während ſie diseutirten, verzeichnete ich heim⸗ lich in meiner Brieftaſche den Augenblick der Geburt von Fräulein Morin. Herr Morin, welcher errieth, was ich that, lächelte mit geſenktem Haupte. Ich errieth ſeinen Ge⸗ danken, ließ mich aber nicht aus der Faſſung bringen, da ich ſeit fünf Minuten entſchloſſen war, Aſtrolog zu werden.

Endlich kam die ſchöne Nichte. Ihre Tante ſtellte ſie mir als Fräulein Roman⸗Coupier, Tochter ihrer Schweſter vor, und ſich ſodann gegen ſie wendend, theilte ſie ihr mit, wie lebhaft ich ihre Bekanntſchaft wünſche, ſeitdem ich ſie im Concert geſehn.