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Ich war weniger erfreut über dieſe gelehrte Lektüre, als daß ich eine Gelegenheit gefunden, eine Correſpondenz mit Jemand einzufädeln, welcher mir bei meiner Flucht be⸗ hülflich ſein könnte, welchen Plan ich in meinem Kopfe ſchon oberflächlich entworfen hatte. Sobald ſich Lorenz entfernt hatte, öffnete ich das Buch und war nicht wenig erfreut, als ich auf einem Blatte in ſechs guten Verſen folgende Paraphraſe der Worte Seneca's fand: Calamito⸗ sus est animus futuri anxius.*) Augenblicklich machte ich ſechs andere, und um ſie niederzuſchreiben, nahm ich zu folgendem Mittel meine Zuflucht. Ich hatte den Nagel meines kleinen Fingers wachſen laſſen, um denſelben als Ohrlöffel gebrauchen zu können, und er war ſehr lang; ich ſpitzte ihn zu und machte ſo eine Feder daraus. Ich hatte keine Dinte und dachte ſchon daran, mir einen Schnitt zu machen und mit meinem Blute zu ſchreiben, als ich be⸗ dachte, daß Maulbeerenſaft leicht die Stelle der Dinte ver⸗ treten könne: und ich hatte Maulbeeren. Außer den ſechs Verſen ſchrieb ich auch den Katalog meiner Bücher auf und brachte ihn im Rücken deſſelben Buches unter. Ich muß bemerken, daß die Bücher in Italien gewöhnlich mit Per⸗ gament gebunden werden, und zwar ſo, daß der Rücken, wenn er geöffnet wird, eine Taſche bildet. Auf den Titel ſchrieb ich: Latet.**) Ich wartete ungeduldig auf die Antwort, und als Lorenz am folgenden Tage kam, ſagte ich, ich hätte das Buch geleſen und bäte die betreffende Perſon, mir ein anderes zu ſchicken. Den zweiten Band erhielt ich den Augenblick darauf.
Als ich allein war, öffnete ich das Buch und fand ein fliegendes Blatt in lateiniſcher Sprache, welches Folgendes enthielt:„Wir ſind unſerer zwei in demſelben Gefängniſſe, und ſehen zu unſerm Vergnügen, daß die Unwiſſenheit eines Kerkermeiſters uns eine hier beiſpielloſe Vergünſtigung ver⸗ ſchafft. Ich, der ich Ihnen ſchreibe, bin Marino Balbi, ein
*) Wer ſich wegen künftigen Unglücks Sorgen macht, iſt zu beklagen. **) Verborgen.


