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adliger Venetianer und ſomaskiſcher Ordensgeiſtlicher und mein Gefährte iſt der Graf Andreas Asquino von Udine, der Hauptſtadt von Friaul. Er hat mich beauftragt, Ihnen anzuzeigen, daß alle Bücher, welche er beſitzt, und deren Verzeichniß Sie im Rücken dieſes Werles finden, Ihnen zu Gebote ſtehen, aber wir machen Sie darauf aufmerkſam, daß wir die möglichſte Vorſicht beobachten müſſen, um Lorenz unſern Umgang zu verbergen.“
In der Lage, in welcher wir waren, war es nicht zu verwundern, daß wir beide auf dieſelbe Idee gekommen wa⸗ ren, uns gegenſeitig den Katalog unſerer kleinen Bibliothek zu⸗ zuſchicken, und hierzu den Rücken des Buches zu benutzen; dieſen Gedanken gab uns der einfache geſunde Menſchenver⸗ ſtand ein, und ich fand die Empfehlung zur Vorſicht auf einem fliegenden Blatte etwas ſonderbar. Es ſchien unmög⸗ lich, daß Lorenz nicht das Buch öffnen ſollte; dann würde er das Blatt gefunden haben; da er nicht leſen konnte, würde er es in die Taſche geſteckt haben, um ſich den Inhalt von Jemand ſagen zu laſſen, und auf dieſe Weiſe würde gleich anfangs Alles entdeckt worden ſein. Das brachte mich zum Glauben, daß mein Correspondent ein leichtſinniger Menſch ſei.
Nachdem ich den Katalog geleſen, ſchrieb ich auf, wer ich wäre, wie ich verhaftet worden, daß ich das Verbrechen, wegen deſſen ich verhaftet worden, nicht kenne und bald in Freiheit zu gelangen hoffe. Balbi ſchrieb mir hierauf einen Brief von ſechszehn Seiten. Der Graf Asquino ſchrieb mir nicht. Der Moͤnch gab mir die Geſchichte ſeines ganzen Unglücks. Seit vier Jahren war er verhaftet, weil er die Gunſthezeugungen dreier junger Mädchen genoſſen, die don ihm drei Kinder bekomen, die er gutmüthig genug gereſen⸗ auf ſeinen Namen taufen zu laſſen. Das erſtemal war er mit einer Strafpredigt ſeines Vorgeſetzten davon gekommen, das zweitemal hatte man ihm mit einer Ahndung gedroht, und das drittemal hatte man ihn einſperren laſſen. Der Pater Superior ſeines Kloſters ſchickte ihm alle Morgen ſein Mittagseſſen. In ſeinem Briefe, ſagte er, der Superior und das Gericht wären Thrannen, denn ſie hätten keine


