Teil eines Werkes 
4. Bd. (1850)
Entstehung
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er ſich der Menge von Vorurtheilen entledigt, welche aus den meiſten Menſchen einen Haufen großer Kinder machen.

Was iſt das Vergnügen? und was verſteht man un⸗ ter Vorurtheil?

Das Vergnügen iſt der wirkliche Genuß der Sinne; es iſt die gänzliche Befriedigung, welche man ihnen in Al⸗ lem, was ſie begehren, bewilligt; und wenn die erſchöpften Sinne Ruhe fordern, entweder um Athem zu ſchöpfen oder um ſich zu erholen, ſo wird das Vergnügen zur Phan⸗ taſie; dieſe findet einen Genuß daran, über das Vergnügen nachzudenken, welches die Ruhe derſelben ihr verſchafft. Philoſoph iſt aber derjenige, welcher ſich kein Vergnügen verſagt, was nicht größere Unannehmlichkeiten zur Folge hat und welcher es aufzuſuchen verſteht.

Und Sie behaupten, dies geſchehe, indem man ſich der Vorurtheile entledige. Sagen Sie mir alſo, was Vorur⸗ theile ſind, und wie man ſich derſelben entledigt.

Sie richten da eine Frage an mich, welche nicht leicht zu beantworten iſt, denn die Moralphiloſophie kennt keine größere, d. h. ſchwerer zu beantwortende Frage; auch dauert die Belehrung das ganze Leben. Ich werde Ihnen kurz ſagen, daß man Vorurtheil jede ſogenannte Pflicht nennt, welche nicht in der Natur begründet iſt.

Das Hauptſtudium der Philoſophie muß alſo die Na⸗ tur ſein?

Das iſt ihre ganze Aufgabe, und der Gelehrteſte iſt diejenige, welcher ſich am wenigſten tänſcht.

Welcher Philoſoph hat ſich Ihrer Anſicht nach am we⸗ nigſten getäuſcht?

Socrates.

Aber er hat ſich getäuſcht?

Ja, in der Metaphyſik.

Darauf kömmt es mir nicht an, denn ich glaube, daß

er dies Studium unterlaſſen konnte.

Sie irren ſich, denn die Moral iſt nur die Metaphyſik der Phyſik; denn Alles iſt Natur, und ich erlaube Ihnen, Jeden als Narren zu behandeln, der eine neue Entdeckung

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in der Metaphyſik gemacht zu haben behauptet. Wenn ich 8