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ſo iſt ohne allen Zweifel ihr Glück gemacht; denn dann werfen nur die im Rufe der Sittſamkeit ſtehenden Herren ihre Netze nach dieſer Sittſamkeit aus. Dieſe Art Leute ſind entzückt, daß ihr Name genannt wird, wenn die Schönheit auftritt; ſte verzeihen ihr ſogar einige leichtſinnigen Streiche, wenn ſie ſich nur das, was ſie ihr geben, zur Ehre anrech⸗ nen und der Bruch der Treue nicht zu viel Aufſehen macht: es gehört übrigens zum guten Tone, nie bei einer Schönen zu ſpeiſen, ohne es ihr vorher anzeigen zu laſſen, und man ſieht wohl ein, wie vernünftig dieſer Gebrauch iſt.
Gegen elf Uhr kam ich nach Hauſe, und da ich das Zimmer von Fräulein Veſian offen fand, ſo trat ich ein. Ich werde aufſtehen, ſagte ſie, denn ich will mit Ihnen ſprechen.
Laſſen Sie ſich nicht ſtören; wir können dennoch ſpre⸗
chen, und dann finde ich Sie auch ſo ſchön.
Das freut mich.
Was haben Sie mir denn zu ſagen?
Nichts, außer daß ich mit Ihnen von meinem künfti⸗ gen Gewerbe ſprechen will. Ich ſoll tugendhaft ſein, um
Jemand zu finden, der die Tugend nur ſucht, um ſie zu zerſtören.
Das iſt wahr; aber es verhält ſich mit faſt allen Sa⸗ chen im Leben ſo. Der Menſch bezieht mehr oder weniger Alles auf ſich und Jeder iſt Tyrann nach ſeiner Weiſe. Es freut mich, daß Sie im Zuge ſind, Philoſoph zu werden.
Wie fängt man es an, um es zu werden?
Man denkt.—
Muß man lange denken?
Das ganze Leben.
Man wird alſo nie fertig?
Nie; aber man kömmt, ſo weit man kann und ver⸗ ſchafft ſich die ganze Summe des Glücks, deren man fä⸗ hig iſt.
Und wie macht ſich dieſes Glück fühlbar? Es macht ſich fühlbar in allen Vergnügungen, welche
der Philoſoph ſich verſchafft, wenn er das Bewußtſein hat ſie ſich durch ſeine Mühe verſchafft zu haben, namentlich wenn


