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Ich verſpreche ihm treu zu ſein. Wird er aber mei⸗ nem Bruder eine Anſtellung verſchaffen? 1
Zweifeln Sie nicht daran.
Wer wird mir aber zu leben geben, bis ich bei der Oper angenommen werde, und mein alter Liebhaber ſich einſtellt?
Ich, meine Theure, mein Freund Baletti und alle meine Freunde, ohne anderes Intereſſe als das, Ihnen zu dienen und in der Hoffnung, daß Sie tugendhaft leben und wir Ihrem Glucke förderlich ſind. Sind Sie davon über⸗ zeugt?
Vollkommen überzeugt: ich habe mir vorgenommen, mich nur von Ihren Rathſchlägen leiten zu laſſen, und bitte Sie, immer mein beſter Freund zu bleiben.
Wir kamen in der Nacht nach Paris zurück. Ich ließ die junge Veſtan zu Hauſe und folgte Baletti zu ſeiner Mutter. Während des Abendeſſens fordert mein Freund Sylvia auf, mit Herrn Lani zu Gunſten unſerer Schützlin⸗ gin zu ſprechen. Sylvia ſagte, dies wäre beſſer als eine elende Penſion nachzuſuchen, welche man vielleicht nicht ein⸗ mal erhalten würde. Hierauf kam das Geſpräch auf einen Gegenſtand, welcher damals auf dem Tapet war, und in dem Plane beſtand, alle Figuranten⸗ und Choriſtinnenſtellen an der Oper zu verkaufen. Man gedachte ſogar, ſie zu einem hohen Preiſe loszuſchlagen; denn man meinte, je theurer die Stellen würden, deſto mehr würden die Mädchen, welche ſie kauften, in Achtung ſtehen. Dieſer Plan hatte mit Rückſicht auf die anſtößigen Sitten der Zeit einen An⸗ ſtrich von Vernunft, denn er würde eine Kaſte veredelt ha⸗ ben, welche mit wenigen Ausnahmen auf ihre Verächtlich⸗ keit ſtolz iſt.
Zu dieſer Zeit waren bei der Oper mehrere Sängerin⸗ nen und Tänzerinnen, welche eher häßlich als niedlich zu nennen waren, welche kein Talent hatten und dennoch be⸗ haglich lebten; denn es ſteht feſt, daß ein Mädchen, welches hier angeſtellt iſt, auf alle Sittſamkeit verzichten muß, wenn ſte nicht Hungers ſterben will. Wenn aber eine Neueintre⸗ tende geſchickt genug iſt, nur einen Monat ſittſam zu bleiben,
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