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gen Beweis meiner Zärtlichkeit und meines Vertrauens gäbe; dieſer Beweis des Vertrauens ſollte darin beſtehen, daß ich ohne meinen Bruder bei einer anſtändigen Frau in einem von ihm gemietheten Hauſe wohnen ſollte. Er beſtand dar⸗ auf, daß mein Bruder nicht mit mir käme, weil ihn die Bosheit für meinen Liebhaber hätte ausgeben können. Ich
„ließ mich überreden, Ich Unglückliche! Wie habe ich mich
entſchließen können, ohne Sie um Rath zu fragen? Er ſagte, die achtungswerthe Frau ſollte mich nach Verſailles
führen, wo ſich auch mein Bruder einſtellen würde, um uns
zuſammen dem Miniſter vorzuſtellen. Nach dem Abendeſſen entfernte er ſich mit dem Bemerken, daß er mich am näch⸗
ſten Morgen in einem Fiaker abholen würde. Er gab mir
zwei Louisd'ors und eine goldene Uhr, und ich glaubte, dieſelbe von einem jungen Herrn, der mir ſo viel Theil⸗ nahme zeigte, annehmen zu können. Die Frau, welcher er mich vorſtellte, ſchien mir nicht ſo achtungswerth, wie er geſagt. Ich brachte dieſe acht Tage bei ihm zu, ohne daß er ſich zu etwas entſchloß. Er ging nach Belieben ein und aus, vertröſtete mich immer auf morgen und war morgen immer behindert. Endlich zeigte mir heute morgen die
Frau an, daß der Herr aufs Land gehen müßte, daß
ein Fiaker mich in meine Wohnung zurückbringen, und daß er mich daſelbſt beſuchen würde. Hierauf afefektirte ſte eine traurige Miene und ſagte, ich müßte ihr die Uhr zurückgeben, weil der Herr Graf vergeſſen, ſie dem Uhrma⸗ cher zu bezahlen. Ich gab ſie ihr augenblicklich, ohne ein Wort zu ſagen, und das Wenige, was mir gehört in mein Schnupftuch packend, bin ich vor einer halben Stunde hier⸗ her zurück gekehrt.
Hoffen Sie, ihn nach ſeiner Rückkehr vom Lande wie⸗ derzuſehen?
Ich, ihn wiederſehen! O, mein Gott! warum habe ich ihn je geſehen!
Sie vergoß heiße Thränen und ich geſtehe, daß mich nie ein junges Mädchen ſo ſehr durch den Ausdruck ihres Schmerzes gerührt hat. Das Mitleiden verdrängte in mir die Zärtlichkeit, welche ſie mir vor acht Tagen eingeflößt
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