188
Als ich aus dem Theater kam, ſpeiſte ich bei Sylvia und ging ſodann nach Hauſe. Ich wurde durch den An⸗ blick einer ſehr eleganten Equipage überraſcht. Ich fragte, wem ſie gehöre; man antwortete mir, ſie gehöre einem jun⸗ gen Herrn, welcher mit Fräulein Veſian geſpeiſt. So war ſie alſo auf gutem Wege.
Als ich am folgenden Morgen aufſtehe und ans Fen⸗ ſter trete, ſehe ich einen elegant gekleideten jungen Mann im Morgen⸗Koſtüm ausſteigen und höre ihn einen Augen⸗ blick darauf bei meiner Nachbarin eintreten. Muth! Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich affektirte Gleichgültigkeit, um mich ſelbſt zu täuſchen. Ich kleide mich an, und während ich meine Toilette mache, kömmt Veſian zu mir und ſagt, er wage nicht zu ſeiner Schweſter zu gehen, weil der Herr, welcher mit ihr zu Abend geſpeiſt, bei ihr ſei.
Das iſt in der Ordnung, ſage ich.
Er iſt reich und ſehr hübſch. Er ſelbſt will uns nach Verſailles führen und mir eine Stelle verſchaffen.
Ich wünſche Ihnen Glück dazu. Wer iſt es?
Ich weiß es nicht.
Ich lege ſeine Papiere in einen Umſchlag und gebe ſie
ihm, um ſie ſeiner Schweſter zu überbringen, ſodann gehe
ich aus. Als ich um drei Uhr nach Hauſe komme, übergiebt mir die Wirthin ein Billet von Fräulein Veſian, welche ausgezogen war.
Ich gehe hinauf, öffne das Billet und leſe Folgendes:
„Ich gebe Ihnen das Geld wieder, welches Sie mir gegeben, und danke Ihnen. Der Graf von Narbonne in⸗ tereſſirt ſich für mich und hat gewiß nur Gutes gegen mich und meinen Bruder im Sinne. Ich werde Sie von Allem benachrichtigen, von dem Hauſe, wo ich wohnen ſoll, und wo, ſeiner Verſicherung nach, es mir an nichts fehlen wird. Ich lege den größten Werth auf Ihre Freundſchaft und bitte Sie, mir dieſelbe zu bewahren. Mein Bruder bleibt hier, und das Zimmer gehört mir für einen ganzen Monat, denn ich habe Alles bezahlt.“
Das iſt alſo, ſage ich zu mir, eine zweite Lucia von Paſean und ich bin zum zweitenmale das Opfer meines


