Teil eines Werkes 
4. Bd. (1850)
Entstehung
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Tugend zum Glücke führen konnte. Ich ſah wohl ein, daß ich ſie mir weder auf eine unrechtmäßige Weiſe aneignen noch ſie beſchirmen konnte; denn wenn ich mich zu ihrem Beſchützer aufwarf, ſo ſchadete ich ihr mehr als ich ihr nutzte; mit einem Worte, daß ich, anſtatt ihr zum Heraus⸗

kommen aus der unangenehmen Lage, in welcher ſie ſich be⸗

fand, behülflich zu ſein, vielmehr dazu beitragen würde, ſie völlig zu Grunde zu richten. Unterdeß ſaß ſie neben mir, und ich ſprach mit ihr auf eine gefühlvolle Weiſe, aber nicht von Liebe; indeß küßte ich ihr zu oft die Hand und den Arm, ohne zu einem Entſchluß oder zu einem Anfange zu kommen, der ſehr bald zu ſeinem Ende gelangt ſein und mich genöthigt haben würde, ſie für mich zu behalten; dann war für ſie kein Glück mehr zu hoffen, und ich hatte kein Mittel mehr, mich von ihr zu befreien. Ich habe die Frauen bis zum Wahnſinn geliebt, aber ich habe ihnen im⸗ mer die Freiheit vorgezogen; und wenn ich in Gefahr war, die⸗ ſelbe zu verlieren, wurde ich immer nur durch einen Zufall gerettet.

Ich war vier Stunden bei Fräulein Veſian geblieben, velzehrt von allen Flammen der Begierde; aber ich hatte Kraft genug, um mich zu beſtegen. Sie, welche meine Mä⸗ ßigung nicht der Tugend zuſchreiben konnte, und welche nicht wußte, was mich hinderte, weiter zu gehen, mußte mich für unvermögend oder krank halten. Ich verließ ſie, indem ich ſie für den folgenden Tag zum Eſſen einlud.

Wir ſpeiſten ſehr heiter und da ihr Bruder nach dem Eſſen ſpatzieren ging, ſo legten wir uns in das Fenſter und betrachteten die Wagen, welche nach dem italiäniſchen Thea⸗ ter fuhren. Ich fragte ſie, ob es ihr Vergnügen machen würde, das Theater zu beſuchen; ſie lächelte vor Freuden, und wir gingen hinein.

Ich brachte ſie ins Amphitheater, wo ich ſie ließ, nach⸗ dem ich ihr geſagt, daß wir uns um eilf Uhr zu Hauſe wiederſehen würden. Ich wollte nicht bei ihr bleiben, um die Fragen, welche man in Betreff ihrer an mich hätte rich⸗ ten können, zu vermeiden. Je einfacher ihr Anzug war, deſto intereſſanter war ſie.