zahlreiche Beweiſe der Krankheit, an der ſie litt. Man kann ſich wohl denken, daß meine Gluth abgekühlt war und daß ich ſie augenblicklich fortjagte; zugleich aber fühlte ich einen aufrichtigen Dank für das, was man Zufall nennt, denn nimmer würde es mir ein⸗ gefallen ſein, ein junges Mädchen einer Prüfung zu unterwerfen, welches eine Haut wie Lilien und Roſen hatte und höchſtens achtzehn Jahr alt.
Am nächſten Tage begab ich mich nach Roche, um den berühmten Haller zu beſuchen.
Herr Haller war ein Mann von ſechs Fuß Länge, im Verhältniß ſtark und hatte ein ſchönes Geſicht. Er war eine Art Koloß in phyſiſcher wie in geiſtiger Beziehung. Er empfing mich mit großer Höflichkeit, und als er den Brief von Muralt geleſen hatte, zeigte er ſich ſehr freundlich; dies bewies mir, daß eine gute Empfehlung niemals überflüſſig iſt. Der Gelehrte öffnete mir alle Schätze ſeines Wiſſens, ant⸗ wortete mit Beſtimmtheit auf alle meine Fragen, und beſonders mit einer ſeltenen Beſcheidenheit, die mir beinahe übertrieben erſchien, denn während er mir die ſchwierigſten Gegenſtände auseinanderſetzte, zeigte er das Weſen eines Schülers, der ſich belehren will.
Wenn er dagegen wiſſenſchaftliche Fragen an mich richtete, geſchah dies mit einer ſo zartſinnigen Kunſt, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, daß er mich zwang, die paſſendſte Antwort zu finden
Herr Haller war ein großer Phyſiolog, ein großer Arzt, ein großer Anatom. Er nannte Morgagni ſeinen Lehrer, obwohl er gleich ihm zahlreiche Ent⸗ deckungen in dem Mikrokosmus gemacht hatte. Während meines Aufenthaltes bei ihm zeigte er mir eine Menge Briefe von Morgagni, und von Pontedera, Profeſſor der Botanik, einer Wiſſenſchaft, in der Haller ſelbſt


