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Wie wird er wohl heute ſein? So lautete die Frage, die ſie beim Eintritt an ſich ſelbſt richtete.. Die Antwort war ein Seufzer aus ihrem ungedul⸗ digen und warmen Herzen.
Beim Kachelofen ſtand der Kriegsrath in ſeinem eleganteſten Morgenanzug für einen alten Junggeſellen, d. h. er hatte nicht den Frack angezogen, ſondern den tabaksbraunen Ueberrock, den er zweimal hätte um ſich ſchlagen können.
Und mit einer ſo ſteifen und abgemeſſenen Genauig⸗ keit trat er jetzt drei Schritte vor, um ſeine Mündel zu begrüßen, daß dieſe betrübte Mündel ſich beinahe in eine Bildſäule von Eis verwandelte.
„Ich nehme mir die Freiheit, die Hoffnung auszu⸗ ſprechen, daß Sie ſich von Ihrer Reiſe vollkommen er⸗ holt haben mögen,“ ſagte er mit ſchleppender Feierlich⸗ keit, welche darauf berechnet war, ſeinen eigenen unglück⸗ lichen Hauptfehler zu verbergen.
Viola hätte ſich auch gerne die Freiheit genommen eine Hoffnung in Betreff der Geſundheit ihres Vor⸗ mundes auszuſprechen, aber als er langſam ſeine ſchwarzblauen Augen auf ſie hinabſenkte, meinte ſie, daß dieſelben ihr gleichſam verböten, ihren eigenen Einge⸗ bungen zu folgen. Und ſie antwortete mit einem pflicht⸗ ſchuldigen:
„Danke, Herr Kriegsrath, ich bin vollkommen wie⸗ der hergeſtellt.“ g
In dieſem Augenblick zeigte ſich ein leichtes Lächeln auf Severins Lippen, und er machte mit der Hand eine einnehmende Geberde.


