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denken, daß meine Erziehung zu Hauſe ſehr verwahrlost worden ſei.“
Es gelang hier Frau Laura, das Ausſehen einer ganz beſtürzten Zuhoͤrerin anzunehmen. Aber ihre Antwort beſchränkte ſich blos auf ein Zeichen gegen die Uhr.
„Ich kleide mich erſt zum Mittageſſen an,“ verſetzte Viola entſchloſſen.
„Jetzt biß ſich die liebe Frau Schwägerin ſo heftig in die Lippen, daß die Roſenfarbe derſelben in Karme⸗ fin überging. Das erſtemal hatte ſie gewünſcht, daß Viola das weiße Morgenkleid anbehalten möchte, um dadurch einen Verdruß hervorzurufen: aber wenn auch — wunderbar genug— dieſer Verdruß ſich nicht in Worten zu erkennen gab, ſo ahnte oder vielmehr ver⸗ muthete Laura doch, daß es eine unerläßliche Pflicht ſei, Viola auf die Schwachheit des Kriegsraths in Etiket⸗ tenſachen aufmerkſam zu machen.
„Gütiger Gott,“ rief Viola jetzt mit allen ſicht⸗ baren Zeichen reißender Geduld,„ich habe nie in mei⸗ nem Leben ſo viel Umſtände wegen ſolcher Kleinigkeiten geſehen.“
„Kleinigkeiten?“
„Ja, allerdings. Daheim bei meinem Vater und bei meinen Tanten durfte ich den ganzen Sommer vom Morgen bis zum Abend, wenn es mir ſo beliebte, in meinem weißen Kleide herumgehen. Ueberdieß.“
Aber jetzt ſchlug es zehn Uhr und damit hatten alle Berathungen ein Ende.
Frau Laura flog fort.
Und nachdem Viola vor dem Spiegel noch einmal ihr Haar glatt geſtrichen; der flatternden rothen Band⸗ roſe auf der Bruſt eine reputirlichere Lage gegeben und ſelbſt unter dem ſchalkhafteſten Lächeln die ernſthafteſte und ehrbarſte Miene angenommen, die ſie in ihrer Ge⸗ walt hatte, eilte ſie mit flammenden Wangen und hef⸗ tigem Herzklopfen die Treppe hinab.


