Teil eines Werkes 
1.-3. Bändchen (1851)
Entstehung
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ſicht erwartet, aber das Geſicht gehörte offenbar, je mehr ſie es anſah, einer ganz andern Schule an, als das von alten Vormündern im Allgemeinen.

Sie hätte dieſe edle, weiße Stirne küſſen mögen, und ſie würde vor Seligkeit geweint haben, wenn dieſe warmen, milden Lippen ihren Eingang unter das Dach der neuen Wohnung geſegnet hätten.

Die jetzt beſchriebene Scene nahm natürlich nur einige Sekunden in Anſpruch; aber bevor ſie verfloſſen waren, hatte der Inſtinkt ſie gelehrt, das Gefühl ihres Vormundes zu verſtehen.

Wahrhaftig, dachte ſie,ich glaube beinahe, daß er ſchüchtern iſt.

Und wenn dieſer Gedanke blitzſchnell war, ſo war es in gleichem Fall die daraus erfolgende Handlung.

Ohne das Ereigniß mit der Schnupftabaksdoſe auch nur bemerkt zu haben, warf ſie ſich auf die Knie, ergriff die Hand des Kriegsraths und führte ſie mit eben ſo großer Verehrung als Grazie an ihre Lippen.

Bei dieſem gänzlich unvorhergeſehenen Fall zuckte der Vormund förmlich zuſammen. Mit einem ttefen, ver⸗ wunderten und ausdrucksvollen Blick betrachtete er das ſchöne Weib, das ihn auf ſolche Art begrüßte.

Und vielleicht war es juſt das Uebermaß ſeiner Unruhe, was bewirkte, daß er durch eine beinahe über⸗ menſchliche Anſtrengung ſeine Selbſtbeherrſchung wieder gewann.

Mein Kind, ſagte er langſam, aber in ächtem Vormundston,nur Gott und ſeinen Eltern bringt man eine ſolche Huldigung dar. Ich will in allen Dingen Vaterſtelle an Ihnen zu vertreten verſuchen, aber be⸗ denken Sie wohl, daß dies leider nur eine ſchwache Nachbildung ſein kann.

Während dieſer Worte hatte er mit den äußerſten Fingerſpitzen Viola aufgerichtet, welche jetzt zitternd da⸗

ſtand, ſich verneigte und nicht wußte, was ſie weiter beginnen ſollte.