Nun wurde zwiſchen dem Poſtinſpektor und ſeiner Frau Vieles beſprochen, Vieles ausgemacht, gerathen und verwundert, und erſt am Abend dieſes ereignißvollen Tages ging das glückliche Ehepaar mit dankbarem Herzen und frohen Hoffnungen zur Ruhe.
Mit einem gemiſchten Gefühle von Freude und Weh⸗ muth trat Auguſte in ihr Kämmerlein. Der erſte Gegen⸗ ſtand, der ihr in's Auge fiel, war ihr Piano, welches dem einzigen Fenſter gegenüber ſtand, das dieſe klöſter⸗ liche Zelle erleuchtete. In ihren Augen war es nicht die geringſte von den glücklichen Begebenheiten des Tages, daß ſie ihr theures Inſtrument behalten durfte. Wie manchen langen und ſchmerzlichen Abend, wenn ihre Er⸗ innerung in die Vergangenheit hinüber ſchwebte, und die hellen Bilder der Kindheit oder einer reiferen Jugend emporrief, oder wenn ihre Gedanken auf der Gegenwart verweilten, wenn ſie ſich verlaſſen ſah von den Freun⸗ dinnen, die in gleichem Alter mit ihr ſtanden, und wenn ſte ſogar ein wenig den Verluſt der Schmetterlinge em⸗ pfand, die ſie einſt umflattert, aber jetzt die verborgene Bluͤme verlaſſen hatten, wie oft war da nicht das In⸗ ſtrument ihre einzige Freude, ihr einziger Troſt geweſen; denn die vortreffliche Bibliothek ihres Vaters war den⸗ ſelben Weg gegangen, wie ſein übriges Eigenthum. Jetzt in dem ruhigen frohen Gefühle, daß die Umſtände nicht mehr dieſes Opfer von ihrer kindlichen Liebe erheiſchten, ſetzte ſie den einen der beiden Seſſel, die ſich im Zimmer befanden, vor ihr Piano, öffnete es, und ſchlug einige Akkorde an. Auguſtens ungewöhnliche muſikaliſche Ta⸗ lente waren ſorgfältig ausgebildet worden, und ihre ſanfte, klangvolle und biegſame Stimme hatte etwas unbeſchreib⸗ lich Hinreißendes. Nach einer Weile begann ſie ihre Lieb⸗ lingslieder. Die ſanften, herrlichen Töne in der ſtillen Abend⸗ ſtunde erhoben ihre Seele; ſie ſpielte und ſang mit der gan⸗ zen Begeiſterung eines tiefen Gefühls. Da kam es ihr vor, als ob fremde Töne ſich ſeltſam mit den ihrigen ver⸗ miſchten. Sie ließ die kleinen, feinen Finger auf den


