Teil eines Werkes 
1.-3. Bändchen (1849)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

32

187

Graf Hermann betrachtete ſie mit ſtummer Be⸗ wunderung.

Niemals hatte ein wärmerer Purpur ihre Wangen geröthet, niemals hatten ihre großen, hellbraunen Augen einen größeren und zugleich milderen Glanz gehabt. Auf der weißen Stirn theilte ſich das ſchöne, ſeiden⸗ weiche Haar und fiel in mehreren Locken auf den Hals herab, deren Form und glänzend weiße Farbe den armen Grafen in gleichem Grade blendete.

Edith aber bemerkte dieſe Bewunderung gar nicht,

ſie hörte nicht den unterdrückten Seufzer, welcher ſich

ſeiner Bruſt entwand, als ſie, anſtatt ihm, wie gewöhn⸗ lich einige liebliche Worte zu ſagen, an den Spiegel

trat und ganz ungenirt den eleganten Kranz ein wenig

höher auf die Flechte ſchob.

Einige Minuten darauf war ſie verſchwunden.

Mein lieber Graf! ſagte die Hofräthin, indem ſie ihren Arm vertraulich auf die Schulter des Gaſtes legte, wir wollen gemeinſchaftlich irgend eine Reform erden⸗ ken, welche die kleinen Zerſtreutheiten der jungen Damen beſſern kann. Doch Gott ſei mir gnädig! ich fürchte, ſo lange die Welt ſteht, ſind die Mädchen immer ein wenig zerſtreut, wenn ſie in Geſellſchaft gehen. Nun, nun, ſie werden um ſo klüger als Gattinnen!

Werden Sie das? fragte der Graf mit einem verſchämten Blick durch das Fenſter.

Natürlich!

Der Graf hörte die Antwort nicht Sdith hatte im Wagen mit einem freundlichen, warmen Blicke zu ihm heraufgeſehen.

8