Einundzwanzigſtes Capitel. Ein nothwendiger Blick nach Innen.
Wie war denn wohl eigentlich die Heldin dieſer Erzählung, dieſe Edith, welche wir bisher nur durch das Augenglas des äußeren Lebens betrachtet haben?
Dieſes hat uns keineswegs ihre Handlungen mit allen Fehlern und launenhaften Schattirungen verbor⸗ gen, hat uns jedoch hinſichtlich der inneren Seite, welche die Urſache der Wirkungen enthält, nur einen rund um⸗ grenzten Horizont geliefert.
Es war ein großes Unglück für Edith, daß ſie ſelbſt über jene Urſachen, jene geheimen Impulſe in Unwiſſenheit war, und ihnen nur blind gehorchte, ohne ſich Zeit zum Nachdenken zu geben, woher ſie kamen.
Und dennoch weinte dieſes junge Mädchen oft im Stillen über ſich ſelbſt und über die vollkommene Un⸗ möglichkeit, eine Einheit in die unharmoniſchen Be⸗ liandiheile zwiſchen ihrer Vernunft und ihren Gefühlen zu bringen.
Edith war nicht glücklich, weder in ihrer Umge⸗ bung, noch in ihrem Innern.
Es war ihr bisweilen ganz unbeſchreiblich enge in ihren glänzenden Zimmern.
Sie kannte nicht alles Himmliſche, das in dem Verhältniſſe zwiſchen einer Mutter und einer Tochter liegen kann. Sie kannte nur jene paſſive Zärtlichkeit, welche Kinder ihren Eltern zu zollen ſchuldig ſind, und den Gehorſam, welchen dieſe zu fordern das Recht haben. Doch ſo lieblich es für ſie geweſen ſein würde, Alles aus Liebe zu geben, ſo bitter war es ihr, alles aus Schuldigkeit geben zu müſſen.
Und dennoch hatte die Hofräthin ſich gewöhnt, eben von dieſer ihren Tribut zu fordern, ſeitdem Edith's troziges Gemüth mit dem ihrigen in Oppoſition getre⸗ en war.


