238 nicht aufzuſehen oder die Amme zu wecken, da ſie ſich vor dem Ton ihrer eigenen Stimme fürchtete. Ihre Lage war nicht beneidenswerth. Die arme, treue Seele litt in dieſer Nacht unerträgliche Pein.
Alles war jedoch faſt eine Viertelſtunde lang ſtille eblieben; auch der Orkan ſchien ſich zu beruhigen, um friſche Kräfte zu holen; und Hedda, die ihre Sinne wie⸗ der etwas geſammelt hatte, war auf dem Wege, aufzu⸗ ſtehen, um ſich fortzuſchleichen und ihre ſchlafende Ge⸗ ſellſchafterin zu wecken, als ſie leiſe, aber ſchwere Män⸗ nertritte im Vorzimmer gehen hörte. Auf's Neue ſtockte das Blut um ihr Herz. Wohl ſiel für einen Augenblick der tröſtende Gedanke in ihre Seele, daß es der heim⸗ kehrende Feldwebel ſein werde; aber es war nicht ſein Schritt, und jetzt hörte ſie deutlich, daß er gegen das Zimmer gerichtet war, wo ſie ſaß. Es griff am Schloſſe herum, es drehte den Schlüſſel; ſie war kaum vermögend, Athem zu holen. Da knarrte die Thüre in ihren Angeln, und Müllers hohe, dunkle Geſtalt, zur Hälfte in den nachſchleppenden, durchnäßten Mantel gehüllt, ſchritt lang⸗ ſam durch das Zimmer. Hedda ſank bewußtlos zu Boden.
Er näherte ſich zuerſt ſtill und vorſichtig dem klei⸗ nen Bettchen; aber ſeine ſtieren und unheimlichen Blicke waren dabei oft auf das hohe Paradebett gerichtet. O, wer hätte wohl in dieſen bleichen, verdrehten Zügen den einſt ſo ſchönen und lebensfrohen Jüngling wiedererkannt! Müller hob ſein Kind empor, drückte es in krampfhafter Bewegung an ſein halberſtarrtes Herz, betrachtete es genau, und ein ſchreckliches Lächeln ſpielte um die beben⸗ den Lippen, als er bemerkte, daß es ohne Leben war. Er ſchloß es feſt an die Bruſt, und ſchlich ſich zu Kon⸗ ſtanzens Ruhebett hin. Dort ſtand er einige Sekunden lang, und ſchaute mit Blicken der heiligſten Liebe auf die ſchöne, niedergetretene Lilie. Gerne hätte er unter unſäglichen Qualen zehn einſame Leben hingeſchleppt, wenn ſie dadurch wieder die üppige, herrliche Roſe hätte werden können, die in unſchuldvoller Luſt ungeſehen zwi⸗ ſchen den Felſen blühte, bis er kam und mit der Gluth


