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hatte Roſamunde Bildung und Unterricht zu verdanken, von ihr hatte ſie das kunſtfertige Spiel auf der Harfe und die feinen weiblichen Arbeiten gelernt, womit ſich Beide kuͤmmerlich ihr Brod verdienten. Eine Staͤdterin, an taͤg⸗ liche Zerſtreuung gewoͤhnt, haͤtte nicht vier und zwanzig Stunden in dem einfoͤrmigen Leben ausgehalten. Roſamunde hatte keine Ahnung, daß ſie irgendwo gluͤcklicher ſeyn koͤnnte. Sie hatte den ſechszehnten Sommer durchlebt, und ihren keuſchen Buſen ſchwellte noch keine Lei⸗ denſchaft.
Des Tagewerks muͤde, entkleidete ſie ſich
jetzt, nach eingenommenem Abendmahle, und.
mit Wohlgefallen ſchaute Tante Gertraut auf die jungfraͤuliche, reizvolle Geſtalt der halbent⸗ huͤllten Hebe; da klopfte es draußen am Fenſter und ein ſchreckliches Geſicht grinſte durch die Scheiben.
Mit lautem Schrei des Entſetzens ſprang Roſamunde in zwei Saͤtzen in das bluͤthenweiße
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