Teil eines Werkes 
2. Theil (1824)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

glaubt, daß ſie eben für ihn von der Erde verſchwun⸗

den ſey; ſein Auge, zum Himmelsgewölbe erhoben,

ſuchte ſie jetzt im Aufenthalte der Seligen. Er ſchien ſie zu rufen mit ihr zu ſprechen. und doch hatten ſeine Lippen keine Bewegung mehr.. alles ging vor tief in ſeinem Herzen.

In dem Felſen, an welchen die Einſiedeley ge⸗ lehnt war, breitete ſich eine weite Höhlung aus, welche ein ungeheurer Stein verſchloß. Carl wußte nicht, zu welchem Gebrauche dieſe geheimnißvolle Urne beſtimmt geweſen war; er wollte ſich ihrer als Grab für die Un⸗ ſchuld hedienen.

Nach einigen Augenblicken ſchreckenvoller Ruhe erhob ſich der Fürſt; ehe er ſeine unglückliche Gefähr⸗ tinn wieder in ſeine Arme faßte, ergriff er einen Ring ihres langen Haares. vElodie,« rief er aus, vbe⸗ i bi eſte Gabe der Liebe ſeyn.«

Er legte die Locke auf ſein Herz.

Carl erhob den Stein des Felſens; er ſenkte den erſtarrten Körper der Waiſe in die von der Natur be⸗ reitete Grabesſtätte, und mit faſt erloſchener Stimme rief er aus, bevor er dieſelbe ſchloß:»Lebe wohl, ſchönſte, reinſte der Jungfrauen! für immer entſchwindeſt du meinen Blicken. So wie ich meinen Ruhm befleckte, ſo habe ich deine Jugend hingerafft, deine Schönheit gebrochen. Himmliſches Mädchen, ſchlafe im Felſen des Schmerzes und der Verbannung! ruhe in

Frieden auf dem Boden der Reue und der Liebe! Lebe

wohl, du Trunkenheit zärtlicher Wünſche! Lebet alle

4*

4

2