Heft 
1983
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USA weisen KZ-Wärter aus

WASHINGTON, 26. Dezember(dpa). Ein in Chicago lebender ehemaliger Wärter in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau wurde am Donnerstag ausgewiesen. Bonn habe die Aufnahme des 63jährigen gebürtigen Deutschen Hans Lipschis akzeptiert, teilte das US-Justizministerium mit. Lipschis habe seiner Ausweisung zuge- stimmt, er muß die USA innerhalb von vier Monaten verlassen. Es ist das erste Mal, daß ein von den US-Behörden NS-Verbrechen beschuldigter Bürger des Landes die Vereinigten Staaten ver- lassen muß. Vor einigen Monaten war zwar die Ausweisung des orthodoxen rumänischen Bischofs Valerian Trifa wegen seiner Verbindungen zu den Nationalsozialisten verfügt worden, doch lehnte die Schweiz wohin Trifa wollte die Aufnahme des Mannes ab. Seit 1979 verfolgt eine spezielle Abtei- lung des amerikanischen Justizministe- riums US-Bürger, die nach 1945 einrei- sten, ohne über ihre Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen Aus- kunft zu geben. Ermittelt wird in zwei- hundert Fällen. In 26 Fällen wurde bis- her Klage erhoben. Bis jetzt gewann das Ministerium elf Fälle vor Gericht.

SANTIAGO(AFP). Der Nazi-Kriegs- verbrecher Walter Rauff verantwort- lich für den Tod von 250 000 Menschen in ambulanten Gaskammern erholt sich derzeit,vom Gesetz geschützt und zum Schweigen über seine Vergangenheit entschlossen, an der Küste Chiles. Das wurde am Dienstag in Santiago de Chile von seiner Umgebung mitgeteilt. Am Vortage hatte der Leiter des Jüdischen Informationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, in einem Telegramm an den chilenischen Staatschef General Augu- sto Pinochet um die Ausweisung Rauffs gebeten. Bonn hatte 1962 wergeblich die Auslieferung Rauffs beantragt.

Barbie wurde nach dem Krie

als Agent beschãäftist

HEINZ WISNER. 66, von 1943 bis 1944 SS-Sanitäter im KZ Riga, ist in Düssel- dorf zu sechs Jahren Freiheitsentzug wegen Beihilfe zur Ermordung von fünf Menschen verurteilt worden. Die 16. Große Strafkammer des Landgerichts setzte den Haftbefehl gegen den frühe- ren SS-Oberscharführer trotz einer Be- schwerde der Staatsanwaltschaft außer Vollzug. Wisner saß zweieinhalb Jahre in Untersuchungshaft und soll nach Meinung der Richter bis zur Rechts- kraft des Urteils auf freiem Fuß bleiben. Nach Feststellung des Gerichts habe Wisner sich als ranghöchster Sani- täter im Konzentrationslager Riga an Selektionen undAbspritzungen von Alten, Kindern undArbeitsunfähigen beteiligt und dabei zur Tötung von min- destens fünf Opfern Beihilfe geleistet. Ursprünglich hatte die Anklage auf Bei- hilfe zum Mord und Mord in insgesamt 15 Fällen gelautet. Zeugen, so das Ge- richt weiter, hätten sich jedoch nach 40 Jahren oft nur noch schwach an ihre Peiniger erinnert. Daher müsse jegliche Unsicherheit zugunsten des Angeklagten sprechen.

HEINZ GALINSKI,

Vorsitzender der Jüdischen Ge- meinde zu Berlin,

erklärte aus Anlaß 6S S Januar zum 50. Mal jährenden Machter- greifung der Natio- nalsozialisten, daß die NS-Vergangen- heit in der Bundes- republiknoch nicht in wünschenswer- ter Weise bewältigt worden sei. Der Neonazismus und sein zunehmend ge- walttätiger Charakter sowie das An- wachsen des Antisemitismus zeigten, daß in der Bundesrepublikder Ungeist von gestern noch immer lebendig ist, sagte Galinski.Finen zweiten Holo-

caust darf es nie geben.

Fleischermeister wegen

Urteil wegen Volksverhetzung

HAGEN, 23. Januar(AFP). Das Land- gericht Hagen hat einen 47 jährigen Volksverhet- zung und Aufstachelung zum Rassen- haß zu sechs Monaten Haft mit Bewäh- rung und einer Geldbuße von 3000 Mark verurteilt. Der Fleischer, Vorsitzender einerHugin-Gesellschaft für politische Stucdien e. V., hatte in einer won ihm in 12 000 Exemplaren verbreiteten Hetz- schriftMischlinge alsminderwertige, bastardisierte Nachkommen bezeich- net. Ferner warf er der um die Integra- tion aoslandischer Mitbürger bemühten Politik der Bundesregierungdie Vor- bereitung von Völkermord vor. Sie beugesich bei ihrer Politik einer teuf- lischen internationalen Verschwörung

gegen die Bundesrepublik.

s von den USA

Flucht desSchlächters von Lyon wäre ohne Hilfe Washingtons nicht möglich gewesen

LVON, 9. Februar(Reuter). Klaus Barbie, als Gestapo-Chef auch Schlächter von Lyon genannt, war

nach dem Krieg jahrelang ein hochbe- zahlter Agent in den Diensten der USA. Mehrere Zeugen, darunter ehemalige führende Mitarbeiter des US-Geheim- dienstes, bestätigen, daß Washington den jetzt von Bolivien an Frankreich ausgelieferten früheren Gestapo-Chef vor Strafe schützte, da man sich von seinen Kenntnissen einen Vorsprung vor den Geheimdiensten der Alliierten erhoffte.

Auch Barbies Flucht aus dem Nach- kriegs-Deutschland nach Südamerika wäre nach Auffassung des früheren Nazi-Anklägers im US-Justizministe- rium, John Loftus, ohne Hilfe des US- AußBenministeriums nicht möglich ge- wesen. Loftus, der jetzt Rechtsanwalt in Boston ist, sagte der Nachrichtenagen- tur Reuter am Dienstag, nach seiner Ansicht sei Barbie im Austausch für In- formationen über militärische Operatio- nen der Sowjetunion in Osteuropa der Strafverfolgung entgangen. Der US- Geheimdienst sei so sehr an Informatio- nen interessiert gewesen,daß er jeden penutzt hätte, den er in die Hände be- kommen konnte.

Der jetzt an der Wayne-State-Univer- Sität in Detroit lehrende Professor Eber-

hard Dabringhaus hatte am Montag be- richtet, während seiner Zeit als Mitar- beiter des US-Geheimdienstes habe er Barbie monatlich 1700 Dollar bezahlt.

Dabringhaus sagte, er sei nach 1943 nach Memmingen gefahren, wo er Bar- bie sowie andere aufgenommen und in einsicheres Haus nach Augsburg ge- bracht habe. Diese Angaben wurden in Paris von dem alsNazi-Jäger be- kanntgewordenen Rechtsanwalt Serge Klarsfeld bestätigt. In dem von US- Geheimdiensten betriebenen Haus Mozartstraße 10 in Stadtbergen bei Augsburg habe Barbie drei Jahre lang gelebt, sagte Klarsfeld, der 1971 mit sei- ner Frau Beate die Identität Barbies enthüllt hatte.

Die französischen Behörden hätten seinerzeit gewußt, daß Barbie von den Amerikanern geschützt worden sei. Es sei ihnen jedoch nicht gelungen, seine Auslieferung zu erreichen. Klarsfeld äußerte sich überzeugt, daß das Alliierte Oberkommando Barbies Ausreise aus der Bundesrepublik zunächst nach Argentinien und dann nach Bolivien ermöglicht habe. Es gebe ein vom Alli- ierten Hohen Kommando ausgestell- tes Reisedokument vom 21. Februar 1951.

Das US-Außenministerium lehnte in

Washington jede Stellungnahme zum Fall Barbie ab. Ein Sprecher des Vertei- digungsministeriums sagte, das Ministe- rium suche noch nach den Dabringhaus- Personalakten aus dem Zweiten Welt- krieg.

LA PAZ(AFP). Boliviens Innen- und Außenminister, Mario Roncal und Mario Velarde, sind aufgefordert worden, im Parlament Auskunft über die Auswei- sung Barbies zu geben. Wie am Dienstag in La Paz zu erfahren war, will beson- der der ehemalige Chef der rechtsex- tremen Sozialistischen Falange, der Ab- geordnete Carlos Valverde, die Minister fragen, auf welcher juristischen Grund- lage Barbie ausgewiesen wurde.

HB DEN HAAG. Die niederländischen Justizbehörden sind Frankreich behilf- lich bei der Vorbereitung des Strafpro- zesses gegen Barbie. Staatsanwalt Paul Brilma sammelt Unterlagen unter ande- rem über die Art und Weise, in welcher Barbie den Amsterdamer Judenrat be- trogen hatte, um die Untergrundadres- sen von 200 in die Niederlande geflüch- teten deutschen Juden in die Hand zu bekommen. Diese Juden wurden zusam- men mit 100 holländischen Juden, die ihnen Unterschlupf gewährt hatten, im KZ Mauthausen vergast.

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co LP.