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(2003) 1/2003. Juli 2003
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8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

wurden. Keiner protestiert laut, keiner tritt aus Protest von seinem Amt zurück.

Piner dieserstillen Zuhörer war Rudolf Thauer. Seine Teilnahme an dieser Tagung lässt sich mit histori- schen Quellen belegen. Man kann ihm also bestimmt nicht zu Gute halten, absolut nichts von diesen verbrecheri- schen Menschenversuchen gewusst zu haben. Bürgermeister Rohde mag al- lerdings Recht haben, dass man Thau- er nicht konkret nachweisen kann, tõdliche Experimente an Häftlingen selbst ausgeführt zu haben.

Man fragt sich aber, wer die Ver- suchspersonen bei den Frankfurter Kälteexperimenten Thauers und Wez- lers gewesen sein sollen-zu einer Zeit, da es für die Forscher doch so ver- lockend einfach war, sich dafür KZ- Hãftlinge zu besorgen. Und man fragt sich, ob es glaubwürdig ist, dass bei diesen Versuchen wirklich niemand zu Schaden gekommen sein soll- wo man doch heute weiß, dass bei den Experi- menten für Luftwaffe und Marine die Ergebnisse mehr zählten als ein Men- schenleben. An einem Projekt der Fuftwaffe arbeitete Thauer später auch in Danzig, wo er 1944 Professor wurde. Das Thema:Die Beeinflus- sung der Wärmeregulation durch Me- dikamente und Gifte unter besonde- rer Berücksichtigung der allgemeinen Auskühlung im Wasser.(Deutsche Medizin im Dritten Reich, 8§. 189)

Rohde zitierte in seiner Stellung- nahme zur Anfrage der Grünen-Frak- tion Wissenschaftler, die Thauer ent- lastet haben sollen. Klee hat jedoch mehrfach belegt, dass die Forscher des Dritten Reiches sich immer wieder ge-

genseitig Persilscheine ausgestellt ha- ben. Rhode erklärte außerdem, dass Wissenschaftler wie Thauer damals geZwungen waren, in die NSDAP einzutreten, wenn sie ihre berufliche Stellung nicht verlieren wollten. Sie hätten vor der Wahl gestanden, ent- weder in die NSDAPeinzutreten oder aber ihre Familie nicht mehr ernãhren zu können. Für die seinerzeit wirklich vom Hungertod bedrohten Häftling der Konzentrationslager muss dies wie blanker Hohn klingen.

Selbst wenn im Fall Thauer der letzte Nachweis für tõdliche Experi- mente Zurzeit noch nicht erbracht wer- den kann, bleibt ein übler Nachge- schmack zurück. Auf jeden Fall aber ist klar, dass er von den Medizinver- brechen an KZHäftlingen gewusst und nichts dagegen unternommen hat. Dies allein sollte ausreichen, keine Straße nach Thauer zu benennen. Denn dies wäre eine Verhöhnung der Opfer der NSMedizin.

Ernst Klee: Auschwitz, die NSMe- dizin und ihre Opfer, Frankfurt: Fi- scher Verlag, 1997 ISBN 3.1 039306-6, 526 Seiten, 29.00 Furo (gebunden)-ISBN 3-50614906 1, 528 Seiten, 14,90 Euro(Taschenbuch)

Ernst Klee:Deutsche Medizin im Dritten Reich- Karrieren vor und nach 1045*, Frankfurt: FischerVerlag, 2001 I8BN3-10 039310 4, 416 Seiten, 25.00 Furo(gebunden)

Zum erwhnten Vortrag von Ernst Klee in Bad Nauheim am 31. OMtober 2002 siehe Mitteilungsblatt 2/2002)