Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9
stimmt nicht für die Publikation= und doch sind sie es wert, dass sie aufgeho- ben und analysiert werden.
In der Holocaustliteratur gibt es mehrere Schübe“ von Erinnerungs- texten— Briefe, Biographien, Novellen und Romane Uberlebenden mit Hhe- hunkten unmittelbar nach Kriegsende und in den letzen zwei Jahrzehnten. Wie unterscheiden sich diese Texte? Giht es für diese Eyscheinung eine Er-
lãrung?
Feuchert: Ich würde eher von drei Höhepunkten sprechen wollen: Un- mittelbar nach dem Krieg publizierten vor allem sehr viele politische KZ- Häftlinge ihre Erinnerungen, die wir in unser Verständnis der Holocaust- Literatur einschließen. Naturgemäß standen bei ihnen andere Dinge im Vordergrund als bei den spãteren, va. jüdischen Autoren. Die Frinnerungen der politischen Hãftlinge sind oft sehr romanhaft konzipiert, sie wollten und mussten die Leser erst für einen Teil des Krieges interessieren, der alle Vor- stellungskraft zu sprengen drohte und dem man— vor allem in Deutschland- lieber ausweichen wollte. Dazu griffen
die Texte oft auf Spannung als Stilmit- 6 zurück. Frühe Iexte von jüdischen Opfern sind zudem sehr detailliert, sie beschreiben genau- bis an die Grenze des Erträglichen— welche Grausam- keiten sich in den Gettos und Lagern abspielten. Sie mussten damals noch deutlich erklären, was es hieß, in Au- Schwitz gewesen zu sein. Ein zweiter Höhepunkt folgte dann im Nachgang zu den beiden großen Prozessen— dem Fichmann-Prozess in Jerusalem und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Beide Ereignisse brachten vor allem
auch in Deutschland— natürlich nicht nur im Bereich der Holocaustliteratur — das Thema endlich wieder ins Ge- spräch, nachdem es bereits unmittel- bar nach der Gründung der BRD eine erste große und nahezu erfolgreiche Schlussstrich-Debatte“ gegeben hat- te. Der Schlussstrich, den viele Deut- Schen damals ziehen wollten, um in ihr Wirtschaftswunder“ zu flüchten, wirkte sich auch auf die Literatur aus. Es gab fast keine Iexte der Holocaust- literatur mehr, die einen Verleger fan- den. Das änderte sich dann zum Glück, wie gesagt, mit den Prozessen. In dieser Zeit entstanden auch sehr viele fiktionale Bearbeitungen, die nicht von Opfern des Holocaust stam- men— erinnert sei hier an Peter Weiss oder Rolf Hochhuth. In den 80er Jah- ren schrieben dann sehr viele Uberle- bende, die ihre letzte Chance sahen, ihre Erinnerungen als Vermächtnis den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen. Unterstützt wurde dies vor allem in Amerika durch die Tatsa- che, dass es ein wesentlich breiteres Publikum gab, das sich für die Texte in- teressierte. Diese spãten Texte reflek- tieren nicht selten den Umgang mit dem Holocaust bis heute mit— ein gut- es Beispiel dafür ist Ruth Klügers Text weiter leben“.
Ir Mhre Aybeit nicht ein Wettlauf mit der Zeitꝰ
Leibfried: Leider ja. Texte, die un- mittelbar im Holocaust entstanden sind, lagern nicht selten in Archiven, die wenig tun kõnnen, um das Material vor dem Verfall oder dem Vergessen zu ret- ten. Es gibt zwar gerade im Augenblick große Bemühungen amerikanischer Institutionen, viele Materialien auch in


