8 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Ein Wettlauf mit der Zeit
Für die Frankfurter Jüdischen Nachrichten interviewte kürzlich Ruth Bäumler die Gießener Germanisten Professor Erwin Leibfried und Sascha Feuchert M. A.
Heyr Professor Leibfried, Ihr wis Senschaftlicher Schwerpunkt sind Her- meneuti und Asmetil, ihre Lehrver- anstultungen behandeln die Literatur der Aufuldrung, der Klasvil, der Ro- mantil, es gibt Veròffentichungen und Vorlesungen von hnen über Goethe, Schillen Kafa— wann und wie ent- Sand Ihre Beschäftigung mit der Holo- caustliteraturꝰ
Leibfried: Das Interesse war be- reits früh da, allerdings ergab sich nie die Möglichkeit, es wirklich zu vertie- fen. Wesentlich dazu beigetragen hat die Partnerschaft mit Lodz, die uns im Laufe der Zeit den Zugang zu vielen Texten ermöglicht hat, die wir vorher nicht kannten. 1908 waren die Voraus- setzungen dann besonders günstig, die Arbeit mit und an der Holocaustlite- ratur zu intensivieren.
Woher und in welcher Form weyden die Texte an Sie herangetragen?
Feuchert: Das ist heute sehr unter- schiedlich. Viele Texte finden wir in Archiven, und hier vor allem in Lodz, andere kommen direkt von Uberle- benden, die sich auf unterschiedlichen Wegen an uns wenden. Nahezu tãglich bekommen wir Anfragen oder Mittei- lungen auch über das Internet.
Sie vind gerade aus Polen zurck- gelehrt, gibt es neue Projelte, neue Enideckungen?
Leibfried: Unser letzter Aufenthalt galt der Vorbereitung unseres derzeit größten Projekts: der kompletten Edi-
tion und Kommentierung der soge- nannten Lodzer Getto-Chronik. Die- ses kollektive Tagebuch, das die tãgli- chen Breignisse im Getto auf rund 2000 Seiten verzeichnet und in der Sta- tistischen Abteilung des Judenälte sten“ entstand, ist bis heute nicht voll⸗ ständig publiziert. Obgleich dieses— auch literarische— Dokument in vie- lerlei Hinsicht sicherlich problema- tisch ist, ist es eine unerhört wichtige Quelle und ein entscheidender Text. Bis heute liegt nur eine Auswahl auf Englisch vor, die nicht einmal ein Vier- tel des Gesamttextes berücksichtigt. Wir wollen die Chronik, an der in we- sentlichen Bereichen auch der bereits erwähnte Oskar Singer mitwirkte, erstmals vollständig auf Deutsch und auf Polnisch verõffentlichen.
Sie hezeichnen die Pefinition des Begriffes Holocaustliteraturꝰ als Zu- Sammenfassung aller literarischen Tex- e über den Holocaust*. Bedeutet das dass Keine wissenschaftlichen Weyt maßstãbe an das Geschriebene gelegt werdenꝰ
Leibfried: Prinzipiell ist das richtig — ästhetisch werten wollen und kön- nen wir nicht. Auch Texte, die von Menschen stammen, die literarisch weniger begabt sind, sind ein Ver- mächtnis, dessen wir uns annehmen müssen. Texte sind immer Interpreta- tionen= und Interpretationen sind so verschieden wie die Menschen selbst es sind. Manche Texte eignen sich be-


