Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7
bindung kein exklusives Kriterium für die Zugehörigkeit seines Textes zum Genre der Holocaustliteratur?.“
(entnommen aus: Sascha Feuchert [Hg.]: Holocaust-Literatur: Auschwitz. Stuttgart: Reclam 2000. S. 2f.)
„Ein fremder hässlicher Tod, ihn will ich zeichnen“ Die Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Literatur
des Holocaust? bewahrt Texte von Opfern vor dem Vergessen Von Ruth Bäumler
Wãäre Oskar Singer aus Prag nicht ewesen, der daran glaubte, dass viel- S nicht er, wohl aber seine Repor- tagen aus dem Getto überleben wür- den, wäre unser Bild vom Alltag in Litzmannstadt-Getto zwar nicht von weniger düsterer Unbegreiflichkeit, aber um einige Nuancen reduziert, Z B. um die unglaubliche Vorstellung, dass es Menschen gab, die neben dem täg- lichen Kampf ums Weiterleben noch die Kraft hatten, schreibend und be- richtend ein Leben jenseits des Grau- ens Zu visualisieren, für zukünftige Le- ser in einer Welt, die nicht mehr die ihre sein würde.
Und gãbe es nicht Literaturwissen- schaftler, die ihre vornehmste Aufgabe nicht nur darin schen, traditionelle Forschungsobjekte mit dem bewähr-
0 wissenschaftlichen Instrumentari- um zu bearbeiten, sondern mit ar- chäologischer Behutsamkeit Spuren menschlichen Lebens zu rekonstru- ieren, wäre auch Oskar Singers Glau- ben an ein Uberleben seiner exte um- Ssonst gewesen. Sein literarisches Vermãchtnis legt Zeugnis ab von Ge- schehen, die sich eigentlich aufgrund ihrer Ungeheuerlichkeit wissenschaft- licher Verwertung entziehen— es ist die Literatur des Holocaust.
Diese Literatur ist Forschungsge-
genstand der Arbeitsstelle Holocaustli- teratur, die 1998 von dem Giessener Germanistikprofessor Erwin Leibfried, dem Literaturwissenschaftler Sascha Feuchert und der Ernst-Ludwig-Cham- brè Stiftung am Giessener Institut für Neuere deutsche Literaturwissenschaft eingerichtet wurde. Drei Jahre später wurde dort die Internationale Gesell- schaft zur Erforschung der Literatur des Holocaust“(IGEL-H) von Litera- turwissenschaftlern, Historikern und Politologen gegründet.
Seither widmet sie sich mit großem persõnlichen Engagement der Unter- suchung und Sammlung der Literatur des Holocaust.
In diesen Wochen erscheint unter dem Titel'Im Filschritt durch den Gettotag. Reportagen und Essays aus dem Getto Lodz“ der von Leibfried, Feuchert und[Dr. Jörg] Riecke in Zu- sammenarbeit mit Kollegen der Uni- versität Lodz herausgegebene Chro- nistenbericht Oskar Singers, der 60 Jahre lang im Staatsarchiv Lodz lag, bevor er wiederentdeckt wurde und nun erstmals verõffentlicht wird. Der Tod von Litzmannstadt-Getto ist ein fremder, hässlicher Tod. Ihn will ich zeichnen, wie er ist“, hat Singer zwei Jahre vor seiner Ermordung in Ausch- wit? geschrieben.


