Heft 
(2002) 1/2002. Juni 2002
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4 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Wozu eine Arbeitsstelle Holocaustliteratur?

Von Sascha Feuchert

Hanna Krall, die große polnische Brzählerin und Journalistin, hat ein- mal eine ihrer wesentlichen Motiva- tionen, Texte über den Holocaust zu schreiben, so zusammengefasst: Die Opfer haben schon keinen Grabstein, deshalb sollen sie wenigstens in einem Buch stehen.

Sie hat damit ganz sicher vielen Uberlebenden aus der Seele gespro- chen, für die es nicht selten eine der wesentlichen Anliegen war, jenen, die von den Nazis zu Nummern degradiert und namenlos getötet wurden, ein li- terarisches Denkmal zu setzen. Für uns, die nachgeborenen Leser, haben die Texte der Holocaustliteratur noch ganz andere Funktionen: Sie sind oft- mals unsere einzige Möglichkeit, Ge- naueres über die schrecklichen Ereig- nisse zu erfahren.

Der amerikanische Literaturwissen- Schaftler James E. Voung hat einmal be- tont, daß uns die Holocaustliteratur in einem wörtlichen Sinne nicht nur be- schreibe, was geschehen sei, sondern dass sie uns auch vorschreibe, wie wir diese Ereignisse verstünden. Texte sind nach seiner Auffassung immer Inter- pretationen. Bei der Holocaustliteratur kann man sich das auch dadurch klar- machen, dass sie perspektiviert(also in- terpretiert) wird durch einen einzigen Autor, der uns in der Regel nur seine eigenen Erlebnisse schildert.

Das schmälert die Leistungen der Texte keineswegs, es relativiert sie auch nicht. Im Gegenteil: Der Befund von Voung führt uns nur deutlich vor

Augen, dass man sich mit der Holo- caustliteratur auseinander setzen muss, dass man ihre Entstehungsbedingun- gen reflektieren muß und dass man es nicht bei der Lektüre eines Iextes über ein Lager oder Getto belassen kann. Man muss die Holocaustliteratur stu- dieren, als ein Genre, das seine eigen Regeln hat, mit denen man sich als ILe- ser vertraut machen muss.

In Amerika und in Großbritannien beispielsweise hat man diesem Um- stand schon lange Rechnung getragen: Die universitäre Landschaft beschäf- tigt sich intensiv mit den in Rede ste- henden Texten, interpretiert sie, ver- gleicht sie und hilft Lesern so vieffach, das Gelesene einzuordnen, darüber zu diskutieren und vieles mehr. Dazu kommt, dass sich Literaturwissen- schaftler dort auch um die Sammlung und Publikation von Holocaustlitera- tur sehr bemühen in Großbritannien gibt es etwa die hervorragend edierte Library of Holocaust Testimonies. In Deutschland hingegen gab es big vor wenigen Jahren praktisch kei Binrichtung, die sich intensiv und aus- schließlich mit der Sammlung und lite- raturwissenschaftlichen Bearbeitung von Iexten der Holocaustliteratur be⸗ schäftigt hat.

Dieser Umstand führte 1998 dazu, dass an der Gießener Universität, ge- nauer am Fachbereich Germanistik, ei- ne Arbeitsstelle Holocaustliteratur? eingerichtet wurde, die von der Licher Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung, von der auch die Initiative zur Gründung