2 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Zwangsarbeit: „Arisierung der Arbeitskraft“
Als Arisierung der Arbeitskraft“ hat kürzlich Salomon Korn, Vorsitzen- der der Jüdischen Gemeinde Frank- furt, die Zwangsarbeit im Dritten Deutschen Reich treffend charakteri- siert. Schätzungsweise zehn Millionen Menschen wurden wãhrend des Zwei- ten Weltkriegs ⁊wangsweise zur Arbeit ins Reich“ verschleppt.„Bis weit in die achtziger Jahre hinein war das In- teresse an dem Thema Zwangsarbeit' in der Bundesrepublik sehr gering“, Schreibt Karola Fings in ihrem 1998 er- schienenen„Leitfaden“ für Besuchs- programme mit ehemaligen Zwangs- arbeitern, Kriegsgefangenen und KZHäftlingeni. Sie skizziert die Aus- gangslage wie folgt:
Erst mit dem Entstehen lokaler Ge- schichtsinitiativen begann man, sich auf eine mühsame Spurensuche vor Ort zu machen eine Spurensuche, die oftmals vor verschlossenen Werksarchiven endete. Bis heute bleibt die Frage, inwieweit sich Kon- zerne, Betriebe oder Behörden durch die Teilnahme am Sklaven- arbeitsprogramm im Nationalsozia- lismus schuldig gemacht haben, ein Feld aktueller politischer Auseinan- dersetzungen. Zwar zeichnet sich seit wenigen jahren eine veränderte Pinstellung in den Chefetagen ab, und man geht teilweise dazu über, dieses Kapitel historisch bearbeiten
zu lassen. Doch dies beinhaltet kaum das Eingeständnis einer Schuld oder eine damit verbundene Ubernahme von Verantwortung ge- genüber den noch lebenden Opfern. Sofern Konzerne Entschädigungs- zahlungen geleistet haben, taten 8 dies in Form von pauschalen lungen entweder an Verfolgten- organisationen oder an humanitäre Stiftungen.
Mit den Ende der achtziger Jahre einsetzenden politischen Verände- rungen in Mittel- und Osteuropa hat sich die Situation geändert: Die Uberlebenden melden sich selber zu Wort. Die ehemaligen Zwangsarbei- terlnnen in Osteuropa stellen die größte Gruppe der vergessenen' Opfer dar. Sie wurden nach 1945 durch die Bundesrepublik von einer Entschädigung ausgeschlosssen. In ihren Heimatländern häufig als ver- meintliche Kollaborateure' diskri- miniert, konnten sie jahrzehntelang nicht über ihre Verfolgungs schichte sprechen. Sie leben 5 meist in Armut und haben, wenn überhaupt, nur einige hundert Mark über die seit Anfang der neunziger Jahre eingerichteten Stiftungen in Osteuropa als humanitãre Hilfe' er- halten. Anders als die ehemaligen Zwangsarbeiterlnnen aus West- europa hatten sie nach 1945 kaum
Karola Fings. Begegnungen am Tatort. Besuchsprogramme mit ehemaligen Zwangs- arbeiterInnen, Kriegsgefangenen und KZHãftlingen. Ein Leitfaden. Hrsg. von der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf 1998. ISBN 3.928204 67X. S. 8 f


