30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
ringer werden. Jeder, der arische Freunde hat, packt die ihm liebsten Sa- chen zusammen und bittet um Aufbe- wahrung.
(..) Mein Mann gibt seine Einwilli- gung, daß er und ich uns freiwillig mel- den, um nicht von unseren Angehöri- gen getrennt zu werden. Immer noch glauben wir, daß uns nichts passieren kann, wenn wir nur nicht auseinander- gerissen werden. Ich spreche mit der Betriebsleitung, mit dem Meister, und sie geben mich zum Iransport frei. Wir packen die Rucksäcke, die wärmsten Sachen werden übereinanderangezo- gen, denn es ist eisiger Winter. Mein Mann stellt ebenfalls seinen Antrag bei der Deutschen Reichsbahn und bittet um Freistellung von der Arbeit. Der Inspektor spricht bei der Gestapo vor, die die Einwilligung verweigert: Die bei der Eisenbahn beschäftigten Juden werden noch dringend als Ar- beitskräfte gebraucht und können nicht zum Transport freigegeben wer- den. Die Listen meiner Mutter und Tante sind ausgefüllt, Gestapo-Beam- te kommen in die Wohnung und holen sie am 11. Januar 1942 ab. Eine Kolle- gin in der Fabrik erzählt mir, daß sie ihren echten Teppich für 1000 Mark verkaufen konnte. Sie ist darüber so froh, weil sie sich für den Erlös Vero- nal beschafft hat. Als sie die Listen be- kommt, ist sie ruhig und gefaßt. Am nächsten Tag hören wir, daß sie sich vergiftet hat. Die Selbstmorde er- schüttern uns fast nicht mehr, wir be- neiden jeden, der den Mut aufbringt und sich nicht mehr quãlen muß.(..)
1942: Die Ernährungslage wird im-
mer schwieriger. Juden bekommen überhaupt kein Fleisch mehr. Mein Mann hat eine Schwerarbeiterkarte, auf die wir 200 Gramm Fleisch in der Woche erhalten. Freunde bringen uns heimlich Fisch, die Gemüsefrau packt uns einen Kohlkopf ein, meine alte Kinderfrau spart von ihrer Ration und bringt uns in einem kleinen Töpfchen eine nahrhafte Mahlzeit. Meine erste Lehrerin, mit der ich seit Jahren be- freundet bin, liegt mit Lungentuber kulose im Krankenhaus. Sie schick uns kleine Päckchen mit hartgekoch- ten Eiern, die sie zur Stärkung essen Sollte. Alle unsere christlichen Freun- de zeigen uns ihre Liebe und ihr Mit- gefühl. Sie besuchen uns nur noch am Abend, wenn es dunkel ist. Man weiß nicht, wer sie im Hause sehen könnte. wenn sie Juden besuchen und Verbin- dung zu uns haben. An unserer Woh- nungstür klebt auch ein großer Juden- stern. Wir dürfen das Haus abends nach 8 Uhr nicht mehr verlassen. Mein Mann hat eine Sondergenehmigung von der Gestapo, weil er für die Eisen- bahn in Nachtschicht arbeiten muß.
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Dezember 1942. Meine S
eltern werden abgeholt und nac
Auschwitz deportiert. Der 16 jãährige Stiefbruder meines Mannes hat sich von ihnen losgerissen und kommt ganz verstõrt zu uns. Wir sind ratlos kõnnen ihn nicht verbergen. so daß er den schweren Weg doch mit seinen Eltern gemeinsam gehen muß. In der Fabrik treffen wir uns am Morgen schon mit verängstigten Gesichtern. Es gibt im- mer neue Listen, Transporte, immer neues Leid, und die Kolleginnen sind
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