Heft 
(2001) 1/2001. Juni 2001
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29

Wir leben sowieso nur von einem Tag zum andern

Ilse Rewald, geboren 1918 in Berlin, lebte von Januar 1943 bis Mai 1945 in der IMlegalität in Berlin. In einem Vortrag, den sie bereits 1975 in der Gedenk- und Bildungsstätte Stauffenbergstraße gehalten hat, Spricht sie vomUberleben- discher Menschen, die mit-erleben mussten, wie ihre Familienevakuiert, in Listen erfasst und zur Abwanderungabgeholt wurden. Die hier auszugsweise wiedergegebenen Erinnerungen sind in denBeiträgen zum Widerstand 1933 1945*, Heft 6, erschienen. Sie enthalten im Anhang das Wannsee-Protokoll zur Endlösung der Judenfrage vom 20. Januar 1942 und das Faksimile einesAbwanderungsbescheides vom 29. Mai 1942 mit einem Merkblatt für die Jeilnehmer an den Abwanderungstransporten. Trotz De- oration und Ermordung ihrer Familienangehörigen, der Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen ist Ilse Rewald nach der Befreiung in Berlin geblieben.

Ilse Rewald: Berliner, die uns hal- fen, die Hitlerdiktatur zu überle- ben, Gedenkstätte Deutscher Wi- derstand Berlin, 4. Auflage 1985. (Die Broschüre wird kostenlos ab- gegeben. Sie kann gegen Erstat- tung der Portokosten über die La- gergemeinschaft bezogen werden.)

Oktober 1941. Neben mir in der Fabrik arbeitet ein junges, hübsches Mädchen von achtzehn Jahren. Sie ist aufs äußerste erregt, denn sie haben Listen von der Jüdischen Gemeinde in denen sie ihre Woh-

ungseinrichtung, ihre Wäsche, ihr Bankkonto, kurz, ihren Besitz auf- führen sollen. Man spricht von der so- fortigen Kündigung ihrer Wohnung, weiß nicht, ob sie in eine andere ein- gewiesen werden, oder ob sie in ein Getto im Osten kommen. Sie erzählt von ihrer kranken Mutter, der sie alle Aufregungen wegen ihrer Herzanfäl- le fernhalten muß. Am nächsten Tag blieb ihr Platz leer, und wie wir hören, ist sie mit ihrer Mutter von der Gesta-

Albrecht Werner Cordt

po abgeholt und in die frühere Syna- goge in die Levetzowstraße gebracht worden. Dort werden die Juden für den Transport gesammelt, sie haben keinerlei Verbindung mehr mit der Außenwelt, und nach zwei odere drei Tagen hört man von ihrer Evaku- ierung nach Litzmannstadt. Jeder zer- bricht sich den Kopf, nach welchen Gesichtspunkten dieListen ver- sandt werden. Wir finden keinen Schlüssel, es trifft wohlhabende und ganz arme Juden. Sie dürfen 10 Mark mitnehmen und Gepäck, soviel sie selbst tragen könnnen. Unser Freund, der Pianist, ist auch abgeholt worden, ebenso Verwandte meines Mannes. Wir zeichnen unsere Sachen mit unse- rem Namen, jedes Stück wird mit Ilse Sara Rewald beschriftet, Ruck- sack zurechtgelegt, weil niemand weiß, wann die Reihe an uns ist. Wir nehmen an, daß wir in Litzmannstadt oder Minsk in ein Getto kommen und dort unter schärferer Kontrolle leben und arbeiten werden. Manch ein Opti mist hofft, daß dort die Schikanen ge-