Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31
sich durch die gemeinsame Not sehr nahegekommen. Kaum eine von uns, die nicht ihre Mutter, ihren Bruder. gute Freunde durch die Deportatio- nen verloren hat. Jeder zittert vor den Neuigkeiten der anderen, die alle un- ser eigenes Unglück vergrößern. Es entstehen aufopfernde Freundschaf- ten und eine Finsatzbereitschaft für einander, wie sie nur Notzeiten und Schicksalsverkettung bringen können.
h werde nie vergessen, wie eine Kol-
gin mir an meinem Geburtstag, dem ersten, den ich in meinem Leben ohne meine Mutter verleben mußte, einen Kuchen gebacken hat. Sie mußte lan- ge dafür an Zutaten sparen, um mir ei- ne kleine Freude zu bereiten.
Allmählich sickern Nachrichten aus den Konzentrationslagern Ausch- witz, Birkenau, Riga, Theresienstadt durch. Man hört von Massenhinrich- tungen, von Erschießungen, Soldaten erzählen von den Ermordungen in Minsk, und es wird klar, daß jeder „Fvakuierte“ seinem Tod entgegen- geht.
Eines Morgens hören wir die Schreckensnachricht, daß die Abho— lungen jetzt ohne vorherige Mitteilung
raßenweise oder vom Arbeitsplatz folgen sollen. Es gibt keinen Schutz mehr, auch wenn man bei der Reichs- bahn oder im Rüstungsbetrieb zwangsverpflichtet ist. Der Bruder meines Mannes wird als letzter unse- rer Familie geholt, und für uns gibt es nun keine Gefahr mehr, die wir unse- ren Angehörigen durch unsere Flucht bereiten könnten. Wenn sich einer ver- borgen hält, nimmt die Gestapo ein Familienmitglied als Geisel.(..) 1943: Am 11. Januar 1943, es ist ein
Wintertag mit 20 Grad Kälte und schneidendem Ostwind, gehe ich zur Familie P, die ich persönlich über- haupt nicht kenne. Ich habe nur durch Freunde von ihrer großen Mensch- lichkeit und steten Hilfsbereitschaft gehört. Der jüdische Vater, Arzt, war vor kurzem gestorben. Die christliche Tochter und Mutter tun ihr möglichs- tes, um sich der verfolgten Juden an- zunehmen und ihre Not zu lindern. Ich bin Schon so verzweifelt, daß ich es wa- ge ihnen meine Bitte um Obdach vor- zutragen. Sie sagen mir, daß sie schon in großer Gefahr schweben und nicht noch mehr Risiko auf sich nehmen können. Während ich weinend die Treppe hinuntergehe, werde ich von ihnen zurückgerufen. Sie haben es nicht verantworten können, mich der Gestapo Zu überlassen und bieten mir an, vorlãufig bei ihnen zu wohnen.
Von diesem Jag an tragen wir kei- ne Judensterne mehr, leben ohne poli- zeiliche Anmeldung und ohne Le- bensmittelkarten. Unsere Wohnung mit allem Inventar, Möbel, Wäsche, Porzellan, haben wir im Stich gelassen. Ich möchte gern noch einmal in die Wohnung gehen, um einen Bettsack und andere warme Sachen zu holen. Meine neuen Freunde sehen darin aber eine zu große Gefahr. Die Scher- gen der Gestapo sollen oft tagelang warten, weil sie annehmen, daß die „Untergetauchten? irgend etwas ihrer Sachen dringend brauchen und zurückkehren werden. Mein Mann und ich gehen von diesem Iag an auch nicht mehr zur Arbeit, denn auch von dort aus werden die neuen Transporte in die Konzentrationslager zusam- mengestellt.(..)


