Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25
Fast alle“ schreibt Padover im No- vember 1944 in einem seiner Berichte, „die dem Naziregime ablehnend ge- genüberstehen, klagen darüber, wie schwer sie es hatten. Sie fließen über von Selbstmitleid. Diese Larmoyanz ist eine mehr oder weniger unbewus- ste Methode zur Rechtfertigung des eigenen Mitläufertums“(S. 91).
Bermerkenswert schließlich noch folgender Befund: Viele Deutsche
erurteilen in den Interviews die Geuclraten die in Polen und Russ- land begangen wurden, verurteilen den Massenmord an den Juden. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese Aussagen der Interview-Situation ge- schuldet waren oder nicht- festzuhal- ten bleibt jedoch, dass entgegen der später so häufig geäußerten Behaup- tung, man habe nichts gewußt', das Wissen um den Holocaust offensicht- lich verbreitet war, quer durch alle sozialen Schichten des deutschen Volkes.
Padovers Berichte blieben seiner- Zeit nicht ohne Einfluß auf die Defini- tion der Deutschlandpolitik der Verei- nigten Staaten. Fisenhower, s0
vermeldet es wenigstens der Klappen- text, habe sie(die Berichte) zu Rate gezogen und beherzigt. Für heutige Leserinnen und Leser gewinnt Pado- vers Buch seine Wichtigkeit allerdings dadurch, dass es— in einer einzigarti- gen Momentaufnahme- EFinstellun- gen von Deutschen abbildet, die noch nicht die Zeit dazu gefunden hatten, zur eigenen Entschuldung kollektiven Rechtfertigungsideologien anzuhän- gen, gleichwohl jedoch die Ingredien- zien jener Rechtfertigungsideologien bereits bereithalten. Möglich war die- se Momentaufnahme nur in den weni- gen Monaten vom Herbst 1944 bis zum Mai 1945. Saul Padovers Ver- dienst ist es, diese Momentaufnahme unternommen zu haben.
Saul K. Padovers Buch liefert uns heute einen Blick auf die mentalen Befindlichkeiten von Angehörigen der Tätergesellschaft, die als Personen in weiten Teilen prãgend und bestim- mend für die dann entstehende Nach- kriegsgesellschaft' werden sollten. Es ist also wohl kein Zufall, dass dieses Buch erst 1990 in einer deutschen Ubersetzung erscheinen konnte.
Marie-Louise Steinschneider— langjähriges Mitglied der Lagerge- meinschaft Auschwitz-Freundeskreis hat zusammen mit Gleichgesinnten das„Adolf-Moritz-Steinschneider- Archiv“ gegründet. Ziel des gemein- nützigen Vereins ist es, den Nachlass von MarieLouises Vater Adolf᷑ Moritz Steinschneider für wissenschaftliche Forschungen zu ordnen und eventell
Adolf-Moritz-Steinschneider-Archiv
Teile daraus zu edieren.
Als politischer Anwalt musste Steinschneider 1933 aus Frankfurt flie- hen, 1044 wurde er in der französi- schen Emigration von SS-Horden er- mordet. Erhalten ist ein Teil von Steinschneiders Briefen, in denen er hellsichtig die Situation im Exil be- schreibt.
Kontakt zum Archiv üher die LOA.


